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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zum
PANSLAWISMUS
1a [...] Nicht von Kulturträumen, die selbstverständlich voll begründet wären - wer hatte denn gründlicher als gerade wir in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung hingewiesen auf dasjenige, was in der Seele des Ostens lebt -, sondern von politischen Träumen, von politischen Umwälzungen sprach man. Da nun das Wort der panslawistischen Träume eine solche Rolle gespielt hat, so kann man sich ein wenig Wirklichkeiten des physischen Planes ansehen, von denen ich nur ein Beispiel anführen will. Es gab durch Jahrzehnte hindurch ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee», welches unter dem Protektorate der russischen Regierung stand. Nicht wahr, was kann es denn Schöneres geben, als ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee» unter dem Protektorate einer mächtigen Regierung? Ich will Ihnen nun ein kleines Briefchen vorlesen, das mit diesem Komitee zu tun hat, und das datiert ist vom 5.Dezember 1887. In diesem Briefchen steht folgendes:
«Der Präsident des Petersburger Komitees der Slawischen Wohltätigkeitgesellschaft hat sich an den Minister der Äußeren mit der Bitte um Waffen und Munition für die Expedition Nabokow gewendet.»
1b Also nicht um Hemdchen und Höschen für Kinder, sondern um Munition für eine gewisse Expedition, die zusammenhing mit der Erregung von Revolutionen in den einzelnen Staaten der Balkanländer! Daraus sehen Sie vielleicht, wie dasjenige, was, nicht wahr, eine Lüge ist - die realisierte Lüge -, im öffentlichen Leben schwimmt. Ein «Wohltätigkeitskomitee» - harmlos selbstverständlich, ja anerkennenswert! - betreibt die Geschäfte der verschiedenen mit der russischen Regierung zusammenhängenden revolutionären Komitees, die die Aufgabe haben, die Balkanstaaten zu durchwühlen.
1c Es wäre mir leicht, diese Notizen zu verzehn-, ja zu verzwanzigfachen. Vielleicht darf ich noch ein kleines Notizchen hinzufügen: An der Spitze einer gewissen Regierung des Balkans stand in dem verhängnisvollen Jahre 1914 ein gewisser Herr Pascbitsch. Man wird sich an den Namen wohl noch erinnern. Als noch die Obrenowitsch in Serbien regierten, war jener Herr Paschitsch aus Serbien in einen andern Balkanstaat verbannt. Man kann fragen, was tat er denn da? Ich will keine eigene Kritik dieses Herrn geben, aber ich möchte Ihnen wiederum ein kleines Briefchen vorlesen. Es lautet: «Geheime Mitteilung des Präsidenten des Komitees der Slawischen Wohltätigkeitsgesellschaft in Petersburg an den Konsulatsverweser in Rustschuk, de dato 3.Dezember 1885 Nr. 4875.» Damit Sie nicht glauben, ich erfinde oder erzähle eine Anekdote, gebe ich Ihnen auch die Nummer aus dem Aktenfaszikel:
«Auf die Mitteilung des Direktors des asiatischen Departements habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hierbei 6000 Rubel zu übersenden, mit der ergebenen Bitte, diesen Betrag dem serbischen Emigranten Nicola Pasics durch Vermittelung der in Rustschuk lebenden Witwe Natalie Karawelow zu zahlen. Von dem Empfang und der Übergabe der Summe wollen Sie uns gütigst benachrichtigen.»
1d Sie sehen, wie auch diejenigen in den verhängnisvollen Ereignissen Europas eine gewisse Rolle spielten, die als die harmlose «Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft» wirkten. Wäre es nicht gut, gewissermaßen einen Instinkt für die Wahrheit zu entwickeln, indem man die Dinge nicht gleich in leichtsinniger Weise auf Namen, das heißt, Phrasen hin annimmt, so wie sie sich äußerlich geben, sondern den Willen entwickelt, sie ein wenig zu untersuchen? Andernfalls urteilt man in höchst leichtfertiger Weise, und Leichtfertigkeit in der Beurteilung ist dasjenige, was einen immer mehr von der Wahrheit abbringen muß. Gegen diese Tatsache, daß die Leichtfertigkeit des Urteils von der Wahrheit abbringt, gibt es nie die Entschuldigung, man habe dies oder jenes nicht gewußt. Denn das, was wir in unseren Seelen tragen als ein Urteil, ist eine Tatsache und wirkt in der Welt, und ein jeder sollte sich bewußt sein, daß dasjenige, was er in der Seele trägt, in der Welt wirkt. Zumeist ist es nur der Widerglanz dessen, was wirkt, weil dasjenige, was wirkt über den breiten Horizont des Lebens hin das Dasein beherrscht.
Dornach, 4.Dez.1916 ☽
S.23f
2a Wenn man verstehen will, was nun auch viele unserer Freunde zu verstehen anstreben, so muß man ins Auge fassen, was da ist, um benützt, um ausgenützt zu werden. Fassen wir einmal ins Auge, wie die Strömungen der fünften nachatlantischen Zeit [a] hindurchwirken durch gewisse äußerlich wahrnehmbare Bestrebungen und Tatsachen der gegenwärtigen Zeit im weiteren Sinne. Da haben wir zunächst im Osten von Europa das russische Volk, von dem ich schon am letzten Montag gesagt habe, daß es ganz Europa gewissermaßen ans Herz gewachsen ist. Im russischen Volke, zusammen mit den verschiedenen andern Slawenstämmen, lebt - ich habe das ja öfters dargestellt - völkisches Zukunftselement; denn in dem Volkstum, das da als das slawische zusammengefaßt wird, lebt dasjenige, woraus später einmal der Stoff für die Geistesströmung des sechsten nachatlantischen Zeitraums genommen werden soll.
2b In diesem slawischen Element haben wir es erstens mit dem russischen Volk als solchem zu tun, sodann mit den einzelnen Slawenstämmen, welche zwar differenziert sind gegenüber dem Russentum, aber doch sich als Slawen mit den russischen Slawen bis zu einem gewissen Grade verbunden fühlen. Aus diesem Zusammenhang geht oder ging dasjenige hervor, was man heute als Panslawismus bezeichnet, gewissermaßen als eine Empfindung der Zusammengehörigkeit im Geistigen, im Gemütsleben, im Politischen und im Kulturleben durch alle Slawen hindurch. Insofern so etwas innerhalb der Volksseele ist, ist es selbstverständlich eine durchaus ehrliche und auch im höheren Sinne der menschlichen Evolution richtige Sache, obwohl mit dem Worte «Pan» heute ein großer Mißbrauch getrieben wird. Für denjenigen, der die Verhältnisse kennt, ist es möglich, jene geistige Gemeinschaft, welche die Slawenseelen in der eben charakterisierten Weise, ich möchte sagen, durchzittert, «Panslawismus» zu nennen. Von einem «Pangermanismus» zu reden, gleichgültig ob es innerhalb oder außerhalb Deutschlands geschieht, ist ein Unsinn, nicht bloß ein Unfug, denn man kann nicht alle Dinge in dieselbe Schablone hineinzwängen. Was es nicht gibt, davon kann man auch nicht sprechen. Es kann einmal irgend etwas als eine Theorie auftauchen, auch in einzelnen Köpfen spuken; aber von solchen Dingen unterschieden ist das Reale, das die verschiedenen Slawenseelen durchzittert und sich differenziert nach den verschiedenen slawischen Volksstämmen.
2c Von dieser Tatsache, daß man es im Osten von Europa mit einem differenzierten Volkselemente zu tun hat, wissen alle, welche sich seit dem 19. Jahrhundert ernsthaft mit gewissen okkulten Erkenntnissen befaßt haben. Daß in dem Slawenelemente jenes Zukunftsvölkische lebt, das weiß der Okkultist und wußte es immer. Und wenn unter den Okkultisten der Theosophischen Gesellschaft etwas anderes behauptet worden ist, zum Beispiel, daß in den Amerikanern dieses Zukunftselement für die sechste Unterrasse steckt, so beweist das nur, daß diese Okkultisten keine Okkultisten waren oder sind, oder daß sie anderes erreichen wollen als dasjenige, was in den Tatsachen vorgesehen ist. So müssen wir damit rechnen, daß wir es im Osten zu tun haben mit einem, eine gewisse Zukunft in sich tragenden, wie aus dem Blute herauskommenden Element, das zwar heute noch vielfach naiv ist, sich selbst noch nicht kennt, jedoch prophetisch-instinktiv dasjenige enthält, was sich einmal aus ihm entwickeln soll. In Träumen ist es vielfach vorhanden. Und wie wiederum jedem Okkultisten bekannt ist - ich meine jetzt nicht äußerlich, sondern als Kulturtatsache -, ist in einer ganz bestimmten Weise als das vorgeschrittenste, kulturell, weil religiös und politisch zugleich, in sich gefestigtste, das polnische Element vorgeschoben, das sich im wesentlichen dadurch von allen andern Slawenstämmen unterscheidet, daß es ein einheitliches, in sich gefestigtes Geistesleben hat von einer außerordentlichen Schwung- und Tragkraft. [...]
Dornach, 9.Dez.1916 ♄
S.55ff
aus «GA 173»
a] siehe Mbl.7