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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
PROLOG des JOHANNES-EVANGELIUMS
Alles, was wir jetzt versucht haben mit den Ausdrücken der christlichen Esoterik als tiefes Geheimnis des Daseins hinzustellen, und was geläufig war denen, die «Diener des Logos» waren in den ersten Zeiten, das wird in großen, lapidaren Sätzen in dem Johannes-Evangelium [Jh.1,1-14] unzweideutig gesagt. Man muß diese ersten Worte nur in der richtigen, sinngemäßen Weise übersetzen. Wirklich richtig übersetzt, geben diese Worte den Tatbestand, den wir jetzt eben hingestellt haben. Stellen wir diesen Tatbestand, damit wir den Wert ganz genau verstehen, noch einmal vor unsere Seele hin.
Im Anfange war der Logos [ὁ λόγος / verbum] als das Urbild des physischen Menschenleibes, und er lag zu Grunde allen Dingen. Alle Tiere, Pflanzen, Mineralien sind später entstanden. Auf dem Saturn war von all dem wirklich der Mensch nur vorhanden; auf der Sonne kam das Tierreich hinzu, auf dem Monde das Pflanzenreich und auf der Erde das Mineralreich. Auf der Sonne ward der Logos Leben [ἡ ζωή / vita], und auf dem Monde ward er Licht [τὸ φῶς / lux]; und das trat, als der Mensch Ich-begabt war, hin vor den Menschen. Aber der Mensch mußte lernen zu erkennen, was der Logos war und als was er zuletzt zum Vorschein kommt. Zuerst war der Logos, dann ward er Leben, dann Licht, und dieses Licht lebt im Astralleibe. In das menschliche Innere, in die Finsternis, in die Nichterkenntnis schien das Licht hinein. Und das Erdendasein hat den Sinn, daß der Mensch im Innern die Finsternis überwindet, damit er das Licht des Logos erkennen kann.
Lapidare, vielleicht - wie mancher sagen wird - schwer verständliche Worte sind daher die ersten Worte des Johannes-Evangeliums. Aber sollte denn das, was das Tiefste in der Welt ist, durch triviale Worte gesagt werden? Ist es nicht eine sonderbare Auffassung, geradezu ein Hohn auf die Heiligkeit, wenn gesagt wird, zum Begreifen einer Taschenuhr ist es nötig, daß man mit seinem Verstand tief eindringt in das Wesen der Sache, aber zum Begreifen des Göttlichen in der Welt müsse der einfache, schlichte, naivste Menschenverstand ausreichen!? Es ist schlimm, daß für die gegenwärtige Menschheit sich das ereignet hat, daß, wenn auf die Tiefen der religiösen Urkunden hingewiesen wird, gesagt wird: Ach, wozu alle diese komplizierten Auseinandersetzungen, das muß alles schlicht und einfach sein! - Aber kein anderer als derjenige, der die gute Absicht hat und den guten Willen, sich zu vertiefen in die großen Weltentatsachen, dringt ein in den tiefen Sinn solcher Worte, wie sie im Beginne des tiefsten der Evangelien, in dem Johannes-Evangelium, stehen. Diese sind eine Umschreibung dessen, was wir eben ausgeführt haben.
Und jetzt übersetzen wir uns die Anfangsworte:
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott (oder göttlich) war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses Wort ist nichts von dem Entstandenen geworden.
In ihm war das Leben, und das Leben ward das Licht der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.»
Wie die Finsternis [ἡ σκοτία / tenebræ] nach und nach zum Begreifen kommt, das erzählt im weiteren das Johannes-Evangelium.
Hamburg, 19.Mai 1908 ♂
aus «GA 103»; S.40ff