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Zitatensammlung
Teil 1
oser la rose
Betrachtung und Leitsätze von Rudolf STEINER zu
FORTSETZUNG DER ZWEITEN BETRACHTUNG:
HEMMUNG UND FÖRDERUNG DER MICHAEL-KRÄFTE
IM AUFKOMMENDEN ZEITALTER DER BEWUSSTSEINSSEELE
1 Die Einverleibung der Bewußtseinsseele bewirkte durch ganz Europa hindurch auch eine Störung in den religiösen Bekenntnis- wie in den Kulterlebnissen. Man sieht um die Wende des elften und zwölften Jahrhunderts eine deutliche Ankündigung dieser Störung in dem Auftauchen des «Gottesbeweises» (besonders durch Anselm von Canterbury). Die Existenz Gottes sollte durch Verstandesgründe bewiesen werden. Eine solche Sehnsucht konnte nur eintreten, als die alte Art, «Gott» mit den Kräften seiner Seele zu erleben, im Schwinden war. Denn, was man so erlebt, das beweist man nicht logisch.
2 Die vorige Art war, die wesenhaften Intelligenzen - bis zur Gottheit hinauf - seelisch wahrzunehmen; die neue Art wurde die, auf intellektuelle Art über die «Urgründe» des Weltalls sich Gedanken auszubilden. Für die erstere Art hatte man in dem an den Erdbereich unmittelbar angrenzenden geistigen Bereich die Kräfte Michaels, welche die Seele hinter den auf das Sinnliche gerichteten Gedankenkräften mit Fähigkeiten ausrüsteten, das wesenhaft Intelligente im Weltall wahrzunehmen; für die zweite Art mußte erst der Zusammenschluß der Seele mit den Michael-Kräften ausgebildet werden.
3 Im Kultgebiet kam von Wiclif in England (vierzehntes Jahrhundert) bis zu Huß in Böhmen auf weiten Bereichen menschlichen religiösen Erlebens eine solche Mittelpunktslehre wie die Abendmahlslehre ins Wanken. Im Abendmahl konnte der Mensch seine Verbindung mit der Geistwelt finden, die ihm durch Christus eröffnet war, denn er konnte mit dem Christus in seiner Wesenheit sich so vereinigen, daß die Tatsache der sinnlichen Vereinigung zugleich eine geistige war.
4 Vorstellen konnte das Bewußtsein der Verstandes- oder Gemütsseele diese Vereinigung. Denn diese Seele hatte sowohl von dem Geiste wie von der Materie noch Ideen, die sich nahe standen, so daß die eine (Materie) in den ändern (Geist) im Übergange gedacht werden konnte. Solche Ideen dürfen aber nicht solch intellektualistische sein, die auch Beweise für das Dasein Gottes verlangen; es müssen solche sein, die noch etwas von der Imagination haben. Dadurch wird in der Materie der in ihr tätige Geist, in dem Geiste das Streben nach der Materie empfunden. Ideen dieser Art haben hinter sich die kosmischen Kräfte Michaels.
5 Man bedenke nur, wieviel in dieser Zeit für die Menschenseele ins Wanken kam! Wieviel von dem, was mit ihrem innersten heiligsten Erleben zusammenhing! Persönlichkeiten, in denen das Wesen der Bewußtseinsseele am hellsten aufstrahlte, die von einer Seelenverfassung waren, die sie mit den Michael-Kräften in einer Stärke verband, die für die ändern erst nach Jahrhunderten kommen sollte, Huß, Wicliff und andere, traten auf. Sie machten aus der Michael-Stimme in ihrem Herzen heraus das Recht der Bewußtseinsseele geltend, sich aufzuschwingen zum Ergreifen der tiefsten religiösen Geheimnisse. Sie fühlten: die Intellektualität, die mit der Bewußtseinsseele heraufzog, muß fähig sein, in den Bereich ihrer Ideen das einzubeziehen, was in alten Zeiten durch Imagination zu erreichen war.
6 Demgegenüber stand, daß die alte, geschichtlich überbrachte Stellung der Menschenseele in den weitesten Kreisen alle innere Kraft verloren hatte. Was man in der Geschichte die Übelstände des Bekenntnislebens nennt, womit sich die großen Reformkonzilien in dem Zeitalter der beginnenden Wirksamkeit der Bewußtseinsseele beschäftigten, das hängt alles mit dem Leben derjenigen Menschenseelen zusammen, die in sich die Bewußtseinsseele noch nicht fühlten, aber die in der überkommenen Verstandes- oder Gemütsseele auch nicht mehr etwas haben konnten, das ihnen innere Kraft und Sicherheit gab.
7 Man kann wirklich sagen, solche geschichtliche menschliche Erlebnisse, wie sie auf den Konzilien zu Konstanz, zu Basel, zutage traten, zeigen oben in der Geistwelt das Herabströmen der Intellektualität, die zu den Menschen will, und unten den Erdbereich mit der nicht mehr der Zeit entsprechenden Verstandes- oder Gemütsseele. Dazwischen schweben die Michael-Kräfte, zurückblickend auf ihre vergangene Verbindung mit dem Göttlich-Geistigen und hinunterblickend nach dem Menschlichen, das ebenso diese Verbindung hatte, das aber jetzt in eine Sphäre übergehen mußte, in der ihm Michael vom Geiste aus helfen soll, das er aber selbst innerlich nicht mit sich vereinigen soll. In diesem Bestreben Michaels, das in der kosmischen Entwickelung notwendig ist, das aber zunächst doch eine Störung des Gleichgewichts im Kosmos bedeutet, liegt begründet, was die Menschheit in diesem Zeitalter auch in bezug auf die heiligsten Wahrheiten erleben mußte.
8 Man schaut tief in das Charakteristische dieser Zeit hinein, wenn man den Kardinal Nicolaus Cusanus ins Auge faßt. (Man lese über ihn in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens [GA 7]».) Seine Persönlichkeit ist wie eine Merksäule der Zeit. Er möchte Ansichten zur allgemeinen Geltung bringen, die die Mißstände der physischen Welt nicht in schwarmgeistigen Tendenzen bekämpfen, sondern durch den gesunden Menschensinn das, was aus dem Geleise gekommen ist, wieder in dieses zurückführen. Man sehe sein Wirken auf dem Basler Konzil und auch sonst innerhalb seiner kirchlichen Gemeinschaft; und man wird dieses bemerken.
9 Ist der Cusaner damit dem Umschwung der Entwickelung mit der Entfaltung der Bewußtseinsseele voll zugeneigt, so sieht man ihn andrerseits Anschauungen offenbaren, die Michaels Kräfte in leuchtender Art an sich zeigen. Er stellt in seine Zeit die guten alten Ideen hinein, die den Menschenseelensinn zur Entfaltung von Fähigkeiten für das Wahrnehmen der wesenhaften Intelligenzen im Kosmos führten, als Michael noch die Welt-Intellektualität verwaltete. Die «gelehrte Unwissenheit», von der er spricht, ist ein über dem auf die Sinneswelt gerichteten Wahrnehmen gelegenes Begreifen, das das Denken über die Intellektualität - das gewöhnliche Wissen - hinaus in eine Region führt, wo - im Unwissen - dafür aber im erlebenden Schauen das Geistige erfaßt wird
10 So ist der Cusaner diejenige Persönlichkeit, die in dem eigenen Seelenleben die Störung des kosmischen Gleichgewichtes durch Michael empfindend intuitiv möglichst viel dazu beitragen möchte, daß diese Störung zum Heile der Menschheit hin orientiert werde.
11 Zwischen dem, was auf diese Art geistig zutage trat, lebte im Verborgenen ein anderes. Einzelne Persönlichkeiten, die Sinn und Verständnis für die Stellung der Michael-Kräfte im Weltenall hatten, wollten die Kräfte ihrer Seele so zubereiten, daß sie den bewußten Zugang zu dem an den Erdbereich angrenzenden Geistbereich fanden, in dem Michael seine Anstrengungen für die Menschheit macht.
12 Sie suchten sich die Berechtigung zu diesem geistigen Unterfangen dadurch zu erwerben, daß sie äußerlich im Leben beruflich und auch sonst sich so verhielten, daß ihr Dasein von dem anderer Menschen nicht zu unterscheiden war. Dadurch, daß sie so gegen das Irdische im ganz gewöhnlichen Sinne ihre Pflichten in Liebe vollführten, konnten sie das Innere ihres Menschentums frei dem gekennzeichneten Geistigen zuwenden. Was sie nach dieser Richtung taten, war ihre und derjenigen Sache, mit denen sie sich «im Geheimen» verbanden. Die Welt wurde mit Bezug auf das, was im Physischen geschah, zunächst scheinbar gar nicht von diesem Geiststreben berührt. Doch war dies alles notwendig, um die Seelen in die nötige Verbindung mit der Michael-Welt zu bringen. Es handelte sich nicht um «Geheimgesellschaften» in irgendeinem schlimmen Sinne, nicht um irgend etwas, das das Verborgene aufsucht, weil es das Licht des Tages scheut. Es handelte sich vielmehr um das Zusammenfinden von Menschen, die in diesem Zusammenfinden sich überzeugen, daß, wer zu ihnen gehört, ein rechtes Bewußtsein der Michael-Mission hat. Die so Zusammenarbeitenden sprechen dann nicht von ihrer Arbeit vor denen, die durch Verständnislosigkeit nur ihre Aufgaben stören könnten. Diese Aufgaben lagen ja zunächst in dem Wirken in Geistesströmungen, die nicht innerhalb des irdischen Lebens verlaufen, sondern in der angrenzenden Geist-Welt, die aber in das irdische Leben ihre Impulse hineinwerfen.
13 Es ist damit auf die Geist-Arbeit von Menschen verwiesen, die innerhalb der physischen Welt stehen; aber die mit Wesen der Geist-Welt zusammenwirken; mit Wesen, die selbst nicht die physische Welt betreten, sich nicht in derselben verkörpern. Was - recht wenig tatsachengemäß - als die «Rosenkreutzer» vor der Welt genannt wird, darauf ist hier verwiesen. Das wahre Rosenkreutzertum liegt durchaus in der Linie der Wirksamkeit der Michael-Mission. Es half Michael auf der Erde vorzubereiten, was er als seine Geistarbeit für ein späteres Zeitalter vorbereiten wollte.
14 Was damit geschehen konnte, wird man ermessen, wenn man den Sinn auf das Folgende lenkt.
15 Die Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten Michaels, in Menschenseelen hineinzuwirken, die charakterisiert worden sind, hängen damit zusammen, daß er selbst mit seinem Wesen in keinerlei Berührung mit der physischen Gegenwart des Erdenlebens kommen will. Er will in den Kräftezusammenhängen verbleiben, die für Geister seiner Art und für Menschen in der Vergangenheit bestanden haben. Jede Berührung mit dem, womit als im gegenwärtigen physischen Erdenleben der Mensch in Berührung kommen muß, könnte Michael nur als eine Verunreinigung seiner Wesenheit betrachten. Nun wirkt ja im gewöhnlichen Menschenleben das geistige Erleben der Seele in das physische Erdenleben herein und umgekehrt, dieses wirkt auf jenes zurück. Ein Zurückwirken, das sich namentlich in der Stimmung des Menschen und in der Orientierung auf irgend etwas Irdisches hin zum Ausdruck bringt. Ein derartiges Ineinanderwirken ist in der Regel - nicht immer - insbesondere bei den Persönlichkeiten der Fall, die in der Öffentlichkeit stehen. Daher waren die Hemmungen für Michaels Wirken bei manchen Reformatoren wirklich sehr groß.
16 Das Schwierige von dieser Seite bezwangen die Rosenkreutzer dadurch, daß sie ihr äußeres Leben im Sinne der Erdenpflichten ganz abseits hielten von ihrem Arbeiten mit Michael. Wenn dieser mit seinen Impulsen auf das aufstieß, was ein Rosenkreutzer in seiner Seele für ihn zubereitete, so fand er sich in keiner Weise der Gefahr ausgesetzt, auf Irdisches aufzutreffen. Denn dies ward ja eben von dem, was den Rosenkreutzer mit Michael verband, durch die besonders hergestellte Seelenverfassung ferngehalten.
17 Dadurch bildete für Michael das echte Rosenkreutzerwollen den auf der Erde befindlichen Weg zu seiner kommenden Erden-Mission.
Goetheanum, 6.Dez.1924 ♄
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
(Mit Bezug auf das Vorangehende der zweiten Betrachtung über
Hemmungen und Förderungen der Michael-Kräfte
im aufkommenden Zeitalter der Bewußtseinsseele)
131. Im beginnenden Zeitalter der Bewußtseinsseele will sich die im Menschen emanzipierte Intellektualität mit den Bekenntnis- und Kultuswahrheiten beschäftigen. Das menschliche Seelenleben muß dadurch ein Schwanken erleben. Man will Wesenhaftes, das vorher seelisch erlebt worden ist, logisch beweisen. Man will Kultusinhalte, die in Imaginationen ergriffen werden müssen, mit der logischen Schlußfolgerung ergreifen; ja sie nach dieser gestalten.
132. Das alles ist damit zusammenhängend, daß Michael unter allen Umständen jede Berührung mit der gegenwärtigen Erdenwelt, die der Mensch betreten muß, vermeiden will, daß er aber dennoch die kosmische Intellektualität, die er in der Vergangenheit verwaltet hat, weiter im Menschen geleiten soll. Dadurch entsteht durch die Michael-Kräfte eine dem Fortgang der Welt-Entwickelung notwendige Störung des kosmischen Gleichgewichtes.
133. Erleichtert wird Michael dadurch seine Mission, daß gewisse Persönlichkeiten - die echten Rosenkreutzer - ihr äußeres Erdenleben so einrichten, daß es mit gar nichts in ihr inneres Seelenleben hineinwirkt. Sie können dadurch in ihrem Innern Kräfte ausbilden, durch die sie im Geistigen mit Michael zusammenwirken, ohne daß dieser in die Gefahr kommt, in das gegenwärtige Erdengeschehen verstrickt zu werden, was ihm unmöglich wäre.
Goetheanum, 14.Dez.1924 ☉
aus «Anthroposophische Leitsätze»; S.141ff