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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Christian SCHOPPER zur
FOLTER
Was ist Folter unter den Gesichtspunkten des Traumas und wie können wir sie verstehen und einordnen?
Der Grundgedanke ist, dass gegenüber Andersdenkenden, Oppositionellen, Menschen anderer Religionszugehörigkeit usw. gezielt Gewalt eingesetzt wird, um sie zu brechen, bewusst zu zerstören und Informationen zu erpressen. Die Techniken der Folter sind bereits im Mittelalter beschrieben und insbesondere bei den Hexenverbrennungen oder der Inquisition gegenüber »Ketzern«, wie beispielsweise den Katharern, intensiv und systematisert durchgeführt worden. Als weiteres Beispiel sei die Verfolgung der Templer genannt, [...]
Als Rechtfertigung der Folter galt [der Kirche], dass man die vom Wege Abgekommenen durch die Folter wieder auf den christlichen Weg führen würde, dass man ihnen etwas Gutes tun würde, wenn man ihnen die unchristlichen Dämonen durch die Folter austreibt.
Es gibt somit eine lange, uralte Tradition gerade im »christlichen Abendland«. Hinzugekommen sind die Perfektion und perfide Ausgestaltung der Folter durch Elektroschocks und psychologische Methoden. Grundlegend von der Haltung her ist jedoch, dass der Folterer [die Folterin] eine Position der Stärke und Sicherheit einnimmt und immer eine positive Identität zu haben meint, d. h. mit sich im Reinen ist und kein Empfinden hat, ein[e] Täter[in] zu sein. Er [Sie] ist Vertreter[in] eines Staates, erlebt sich als Beauftragter[-te], Ausführender[-de] von Befehlen, ist somit ein[e] Vollstrecker[in] des Guten, des Wahren, des Richtigen, wie im Mittelalter die Inquisitionsvollstrecker davon überzeugt waren, ein Werkzeug Gottes zu sein und damit die gesamte Folter zu legitimieren. D. h. es besteht bei Folterern in der Regel kein Täterbewusstsein. Dies kann man sehr eindrücklich bei den Nürnberger Prozessen nach der NS-Zeit an den dort verurteilten Naziverbrechern sehen. In den meisten Fällen war auch bei ihnen keinerlei Unrechtsbewusstsein vorhanden; die Täter[innen] der SS und der Gestapo beispielsweise in den Konzentrationslagern, die Organisatoren[-innen], die Befehlsempfänger[innen] erlebten sich häufig lediglich entweder als an die Befehle gebundene Ausführende oder identifizierten sich aktiv mit der Ideologie des Nationalsozialismus, auch wenn sie sich bei den Kriegsverbrecherprozessen aus taktischen Gründen später oft davon distanziert hatten.
Ein wichtiger Aspekt ist also, dass sich die Ausführenden der Folter positiv legitimieren durch Religion[sbekenntnis], Weltanschauung oder staatliche Gewalt, dass ihr Handeln - aus ihrer Perspektive - positiv belegt ist. Sie erleben sich nicht als Täter oder Verbrecher, sondern als höhere Vollstrecker staatlicher oder religiöser Gewalt mit einer besonderen Mission und Aufgabe.
Mit Blick auf die Opfer lassen sich komplementäre Aspekte feststellen. Die Folter kann eigentlich nur systematisch durchgeführt werden, indem man sein Gegenüber enthumanisiert. Politisch Oppositionellen oder Angehörigen anderer Religionen wird das Menschenrecht abgesprochen, sie haben keine Würde mehr und werden zu »Dingen«, zu Objekten degradiert, die man entsprechend zerstören und töten darf, ohne dass sie wirklich noch als Menschen und in ihrer Einzigartigkeit gesehen werden. Albert Schweitzer nannte einmal als seine Maxime: Das höchste Gut, der höchste Wert des Menschen ist die Ehrfurcht vor dem Leben.⁶² Dies berührt den Grundaspekt von Folter: den Betroffenen die Menschenwürde und das Menschsein zu nehmen. Das macht auch die Folter so perfide, so furchtbar für die Betroffenen und erklärt auch, warum Folter-Betroffene mit die höchsten Raten an Trauma-Folgestörungen aufweisen. Die Zahlen liegen zwischen 70 und 100 Prozent, wenn man Trauma-Folgestörungen wie zum Beispiel die posttraumatische Belastungsstörung [PTBS], schwere Depressionen, chronische Schmerzstörungen und chronische Dissoziation betrachtet.⁶³
Manche Betroffene versuchen das Problem zu lösen, indem sie selber zu Folterern werden. Das Motiv der Rache wird dann oft über Familiengenerationen hinweg weitertradiert. Häufig werden Folterer psychologisch geschickt aus Folter-Betroffenen rekrutiert, da diese durch sogenannte Täter-Introjekte oft sehr leicht beeinflussbar und manipulierbar sind.
Das Wesentliche und Schwierigste im Hinblick auf die Überwindung von Folter-Erlebnissen ist jedoch, dass bei Folter-Opfern das Vertrauen in den Menschen reduziert und oft sogar zerstört wird. Häufig können diese Menschen nie wieder einen vertrauensvollen Kontakt zu anderen Menschen aufbauen. [...]
S.175f
62 Siehe beispielsweise Albert Schweitzer, Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten, München ¹°2013.
63 A. Nickerson, M. Schick, U. Schnyder, R.A. Bryant, N. Morina, »Comorbidity of posttraumatic stress disorder and depression in tortured, treatment-seeking refugees«, in: J Trauma Stress, 2017, Aug.:30(4):409-415.
S.238
aus «Trauma überwinden»