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Zitatensammlung
Teil 2
TIER und MENSCH
1 Zitat von Konrad LORENZ
Die wirklich genaue Kenntnis sozialer Verhaltensweisen höherer Tiere führt durchaus nicht, wie viele glauben, zu einer Unterschätzung der Unterschiede zwischen Mensch und Tier, im Gegenteil: nur ein guter Kenner tierischen Verhaltens ist imstande, die einzigartige und hohe Stellung richtig einzuschätzen, die der Mensch unter den Lebewesen einnimmt. Der wissenschaftliche Vergleich des Tieres mit dem Menschen, der einen so wesentlichen Teil unserer Forschungsmethode ausmacht, bedeutet ebensowenig eine Herabsetzung der Menschenwürde wie die Anerkennung der Abstammungslehre. Es liegt im Wesen des schöpferischen organischen Werdens, daß dieses immer völlig Neues und Höheres schafft, das in der Vorstufe, in der es seinen Ursprung nahm, in keiner Weise vorgebildet oder auch nur enthalten war. Wohl steckt auch heute noch alles Tier im Menschen, keineswegs aber aller Mensch im Tier. Unsere stammesgeschichtliche Untersuchungsmethode, die notwendigerweise von der unteren Stufe, vom Tiere, ausgeht, läßt uns gerade das wesentlich Menschliche, jene hohen Leistungen menschlicher Vernunft und Ethik, die in der Tierreihe nie dagewesen sind, besonders klar sehen, da wir sie von jenem Hintergrunde alter historischer Eigenschaften und Leistungen abheben, die dem Menschen auch heute noch mit den höheren Tieren gemeinsam sind. Der Satz, die Tiere seien doch besser als die Menschen, ist einfach eine Gotteslästerung; auch für den kritischen Naturforscher, der den Namen Gottes nicht so leicht eitel nennt, bedeutet sie die satanische Leugnung der schöpferischen Höherentwicklung in der Organismenwelt.
Leider verharrt ein erschreckend großer Teil der Tierfreunde, vor allem aber der Tierschützer, auf diesem ethisch höchst gefährlichen Standpunkt. Nur jene Tierliebe ist schön und veredelnd, die der weiteren und allgemeineren Liebe zur gesamten Welt der Lebewesen entstammt, deren wichtigster und zentraler Teil die Menschenliebe bleiben muß: »Ich liebe, was da lebt«, läßt J. V. Widmann in seiner dramatischen Legende ›Der Heilige und die Tiere‹ den Erlöser sagen. Nur wer von sich das gleiche behaupten kann, darf ohne moralische Gefahr sein Herz an die Tiere hängen. Wer aber, von menschlichen Schwächen enttäuscht und verbittert, seine Liebe der Menschheit entzieht und sie an Hund oder Katze wendet, begeht zweifellos [...] eine soziale Sodomie sozusagen, die ebenso ekelerregend ist wie die geschlechtliche. Menschenhaß und Tierliebe ergeben eine sehr böse Kombination.
aus «So kam der Mensch auf den Hund»; S.43f
2 Zitat von Ueli HURTER
Das Tier ist genial und bringt es zu höchsten Erscheinungen und Leistungen auf seinem Gebiet. Es ist dadurch gleichzeitig gefangen und beschränkt in dieser Spezialisierung. Anders der Mensch: Er ist ein Universalist. Das Seelische und sein leiblicher, funktionaler und sozialer Ausdruck stehen im Dienste von einer individuell anwesenden Geistigkeit, dem Ich. In der universellen Konstitution des Menschen - dem aufrechten Gang mit den freien Händen, der Sprachfähigkeit und dem bewussten Verhältnis zu sich und der Welt durch das Denken - liegt die Grundlage für das Menschlich-Menschheitliche. Mit anderen Worten, der Mensch ist nicht, sondern er wird Mensch, biographisch, kulturgeschichtlich, evolutiv. Die Tiere haben diese Möglichkeit nicht, jede Tierart ist ein evolutiver Höhepunkt und damit ein Endpunkt. Aber Tier und Mensch gehören zusammen. Die Spezialisierung ist ein Opfer der Tiere, damit der Mensch ein Werdender bleiben kann. Das bedeutet keine Abkehr von den Tieren, sondern ein Aufnehmen der Tiere in seinen Kulturauftrag. «Zähme mich!», spricht der Fuchs zum kleinen Prinzen,[a] das Tier erbittet vom Menschen, in seine Menschlichkeit aufgenommen und mitgenommen zu werden.
Der Mensch geht aufrecht, und durch die aufrechte Haltung gewinnt er die freie Mitte. Nicht nur das große Gehirn als Homo sapiens, sondern auch die freie Mitte! Das Tier, horizontal ausgerichtet, lebt ganz in der Wirklichkeit! Der Mensch, vertikal aufrecht gehend, lebt in der Aufrichtigkeit. Unsere Frage ist nicht nur die nach der Wirklichkeit, sondern nach der Aufrichtigkeit. Die gesamte moralische Dimension unseres Seins hängt konstitutionell an der aufrechten Haltung. Und die Frage nach unserem würdigen oder unwürdigen Verhältnis zum Tier ist auch eine moralische Frage. Und was ist jetzt würdig gegenüber den Tieren: dass sie auf Augenhöhe mit uns sind, unsere Brüder und Schwestern sind,[b] dass wir über ihnen stehen und sie führen müssen oder dass sie über uns stehen und wir als ungeschickte Menschenkinder von ihrer großen Weisheit geführt werden können? Das eine wie auch das andere ist richtig. Ich schlage als Antwort vor, dass wir aus der freien Mitte die Möglichkeit haben, uns frei dem Tier gegenüberzustellen. Wer Freiheit sagt, sagt Verantwortung. Jede freie Haltung und Tat ist in dem Maße frei, wie sie bereit ist, die Konsequenzen daraus zu tragen. Die Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist also dreifach: Wir Menschen stehen einerseits über dem Tier und können und sollen es führen; wir Menschen stehen aber auch auf Augenhöhe mit dem Bruder Tier; und drittens stehen wir Menschen auch unter dem Tier, denn es hat spezialisierte Fähigkeiten, und ohne das Tier könnten wir Menschen so auf der Erde nicht leben.
in »das Goetheanum« 24·2030; S.14
a] siehe Zähmen des Fuchses
b] nach Francesco d'Assisi