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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Hannah ARENDT zu
WAHRHEIT, TOLERANZ und RECHTHABEN
1 Was Lessing aber betrifft, so hat ihn das gefreut, was die Philosophen seit eh und je, zum mindesten seit Parmenides und Plato so bekümmert hat, nämlich daß die Wahrheit, sobald sie geäußert wird, sich sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandelt, bestritten wird, umformuliert, Gegenstand des Gespräches ist wie andere Gegenstände auch. Nicht nur die Einsicht, daß es eine Wahrheit innerhalb der Menschenwelt nicht geben kann, sondern die Freude, daß es sie nicht gibt und das unendliche Gespräch zwischen den Menschen nie aufhören werde, solange es Menschen überhaupt gibt, kennzeichnet die Größe Lessings. In dem Meinungsstreit, in dem dieser Ahnherr und Meister aller Polemik in deutscher Sprache zu Hause war, und in dem er immer eine sehr bestimmte, sehr ausgesprochene Meinung als die seinige vertrat, hätte die eine Wahrheit, wenn es sie überhaupt geben sollte, sich nicht anders denn als eine Katastrophe auswirken können.¹⁹
2 Uns fällt es heute schwer, den zwar dramatischen, aber untragischen Konflikt des Nathan so nachzuvollziehen, wie Lessing ihn gemeint hat. Das liegt zum Teil daran, daß es uns so selbstverständlich geworden ist, uns, was die Wahrheit anlangt, tolerant zu verhalten, wenn auch aus Gründen, die mit den Gründen Lessings kaum etwas zu tun haben. Es kommt wohl noch hie und da vor, daß einer die Frage im Stile wenigstens des Lessingschen Gleichnisses von den drei Ringen stellt - so etwa in dem großartigen Ausspruch Kafkas: »Es ist schwer, die Wahrheit zu sagen, denn es gibt zwar nur eine, aber sie ist lebendig und hat daher ein lebendig wechselndes Gesicht.«²° Aber auch hier ist von der eigentlich politischen Pointe des Lessingschen Konfliktes als eines möglichen Widerstreits zwischen Wahrheit und Menschlichkeit nicht mehr die Rede. Zudem begegnen uns heute kaum noch Leute, die die Wahrheit zu haben glauben; statt dessen sind wir ständig mit solchen konfrontiert, die überzeugt sind, recht zu haben. Der Unterschied ist deutlich: Die Frage der Wahhreit war immerhin zu Lessings Zeit noch eine Frage der Philosophie und der Religion, während unser Problem des Rechthabens im Rahmen der Wissenschaft ersteht und von einem sich an der Wissenschaft orientierenden Denken jeweils entschieden wird. Dabei will ich hier ganz davon absehen, ob dieser Wandel der Denkungsart sich zu unserem Heil oder Unheil auswirkt. Es ist einfach eine Tatsache, daß das Rechthaben im Sinne der Wissenschaft auch Menschen, die ganz und gar unfähig sind, das spezifisch Wissenschaftliche eines Argumentes zu beurteilen, ebenso in Atem hält wie die Frage der Wahrheit noch die Menschen des achtzehnten Jahrhunderts. Und sie lassen sich merkwürdigerweise davon auch nicht dadurch abbringen, daß die Wissenschaftler, solange sie wirklich wissenschaftlich verfahren, genau wissen, daß ihre »Wahrheiten« niemals endgültig sind und in der lebendigen Forschung dauernd radikal revidiert werden.
3 Trotz des Unterschiedes zwischen der Meinung, man habe die Wahrheit, und der, man habe recht, haben diese beiden Standpunkte doch eines gemeinsam: Diejenigen, die sich auf einen von ihnen stellen, sind gemeinhin so wenig bereit, ihren Standpunkt der Menschlichkeit oder der Freundschaft im Falle eines Konflikts zu opfern, daß sie sogar glauben, sie verletzten damit eine höhere Pflicht, die Pflicht zur »Sachlichkeit«, so daß, wenn sie es doch tun, sie damit keineswegs im Sinne ihres Gewissens handeln, sondern sich obendrein ihrer Menschlichkeit noch schämen und oft ausgesprochen schuldig fühlen. [...]
S.38ff
19 In der MDT-Fassg. [«Men in Dark Times», Harcourt, Brace and World, New York 1968] wurde folgender Satz hinzugefügt: »Und das hätte das Ende der Menschlichkeit bedeutet.«
20 Franz Kafka, Briefe an Milena, in ders., Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1952, S. 72.
S.342
in „Gedanken zu Lessing”, Rede vom 28.IX.1959
aus «Menschen in finsteren Zeiten»