zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Jan ASSMANN zum
KOMMENTIEREN
In einem ganz allgemeinen, anthropologischen Sinne gehört Kommentieren zu den Grundformen menschlichen Sprachverhaltens, wie Erzählen, Argumentieren, Beschreiben usw.; in diesem allgemeinen Sinne ist natürlich auch das ägyptische Schrifttum von kommentierenden Gesten durchsetzt. Solche Gesten konzentrieren sich in zwei Gebieten, in kultischen und in medizinischen Texten. Wir können sie mit den Stichworten „sakramentale Ausdeutung” und „wissenschaftliche Fachprosa” umschreiben. Das Verfahren des Kultkommentars ist mit einer Zweiteilung des Sinns verbunden, die an das Phänomen der Allegorese erinnert. Der kommentierende Gestus ergibt sich zwangsläufig aus dieser gestuften Semantik: er verbindet „Vorder”- und „Hintersinn”, kultweltliche und götterweltliche Bedeutung. Das kommentierende Verfahren der Fachprosa ist aus dem Drang nach Genauigkeit und Vollständigkeit erwachsen. In beiden Fällen ist das Kommentieren „diskursimmanent”. Text und Kommentar treten nicht als zwei getrennte und selbständige Diskurse auseinander. Der Kommentar wächst vielmehr im Laufe der Textüberlieferung gleichsam parasitär auf dem Grundtext, der noch nicht der Kanonregel der Unfortschreibbarkeit oder Abgeschlossenheit („Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen, nichts verändern”) unterliegt. Tradition und Interpretation sind untrennbar miteinander verknüpft. Der Schritt zum „eigentlichen” Kommentar wird dort vollzogen, wo - in irgendeinem Sinne - ein Schlußstrich unter das Produzieren von Texten gezogen wird und sich das Bewußtsein einstellt, daß in den „Großen Texten” alles Sagbare gesagt und alles Wißbare aufbewahrt ist, so daß sich die Kultur nun im Späthorizont einer „posthistoire” auf die Auslegung der Großen Texte beschränken muß, um die Verbindung mit Weisheit und Wahrheit nicht abreißen zu lassen. Dieser Schlußstrich manifestiert sich in verschiedenen Schriftkulturen und auf ganz verschiedene Weise. Für die Alexandriner wird Homer zum Buch der Bücher, und die Klassiker werden zu unerreichbaren Vorbildern, für die chinesischen Gelehrten steht alles Wißbare in den Klassikern [Lau Dse, Kungfu Dse etc.], angesichts deren notorischer Dunkelheit aber alles Verstehen Stückwerk bleibt, für Averroes hat Aristoteles den Horizont des Wissens ein für allemal abgeschritten - Sinnfiguren, die auf Alexandre Kojève vorausweisen, der den Begriff der „posthistoire” geprägt hat, weil er in Hegel die Geschichte des Denkens an ihrem absoluten Ende angelangt und das einzig denkbare Programm einer zukünftigen Philosophie nur noch in der Hegel-Exegese sehen konnte. Die Juden sprechen vom „Ende der Prophetie” und definieren damit die Grenze des hebräischen Kanons, die Muslime sprechen von der „Schließung des Tores”[a] und ziehen damit die Grenze der deuterokanonischen Tradition. Kommentar im strengen Sinne setzt Unfortschreibbarkeit voraus. Der bloße Akt des Kommentierens schreibt einem Text diese End-Gültigkeit zu. Ein Text wird kommentiert, wenn er einerseits von bleibender Verbindlichkeit, andererseits aber nicht durch redaktionelle Eingriffe modernisierbar oder durch neue Texte ersetzbar ist. Im Sprachgebrauch der Philologie ist „Text” ein relativer Begriff und steht im Gegensatz zum „Kommentar”. Ein Gedicht, ein Gesetz, ein Traktat usw. werden überhaupt erst zu einem Text im strengen Sinne der Philologie, wenn sie Gegenstand eines Kommentars werden. Der Kommentar macht den Text zum Text.
aus «Das kulturelle Gedächtnis»; S.175f
a] vgl. J.Assmann zum Kanonisierungsprozess
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit014170175.htm