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| Zitatensammlung Teil 2 |
| Zitat von Jan ASSMANN zu |
| FESTEN |
| 1 [...] Wie gewinnt die Gruppe Anteil am kulturellen Gedächtnis, dessen Pflege ja auch auf dieser Stufe bereits Sache einzelner Spezialisten (Barden, Schamanen, Griots [afrikanische Sänger-Tänzer-Trommler]) ist? Die Antwort lautet: durch Zusammenkunft und persönliche Anwesenheit. Anders als durch Dabeisein ist in schriftlosen Kulturen am kulturellen Gedächtnis kein Anteil zu gewinnen. Für solche Zusammenkünfte müssen Anlässe geschaffen werden: die Feste. Feste und Riten sorgen im Regelmaß ihrer Wiederkehr für die Vermittlung und Weitergabe des identitätssichernden Wissens und damit für die Reproduktion der kulturellen Identität. Rituelle Wiederholung sichert die Kohärenz der Gruppe in Raum und Zeit. Durch das Fest als primäre Organisationsform des kulturellen Gedächtnisses gliedert sich die Zeitform schriftloser Gesellschaften in Alltagszeit und Festzeit. In der Festzeit oder „Traumzeit” der großen Zusammenkünfte weitet sich der Horizont ins Kosmische, in die Zeit der Schöpfung, der Ursprünge und großen Umschwünge, die die Welt in der Urzeit hervorgebracht haben. Die Riten und Mythen umschreiben den Sinn der Wirklichkeit. Ihre sorgfältige Beachtung, Bewahrung und Weitergabe hält - zugleich mit der Identität der Gruppe - die Welt in Gang. |
| 2 Das kulturelle Gedächtnis erweitert oder ergänzt die Alltagswelt um die andere Dimension der Negationen und Potentialitäten und heilt auf diese Weise die Verkürzungen, die dem Dasein durch den Alltag widerfahren. Durch das kulturelle Gedächtnis gewinnt das menschliche Leben eine Zweidimensionalität oder Zweizeitigkeit, die sich, durch alle Stadien der kulturellen Evolution erhält. In schriftlosen Gesellschaften prägt sich die kulturelle Zweizeitigkeit am klarsten aus: im Unterschied zwischen Alltag und Festtag, alltäglicher und zeremonieller Kommunikation. So hat die Antike die Funktion des Festes und der Musen [a] als eine Heilung vom Alltag gedeutet. Platon beschreibt in den Gesetzen, wie die kindliche und jugendliche Bildung im späteren Leben wieder zugrunde geht, durch die Mühsal der Alltagsgeschäfte: „Aber da haben nun die Götter aus Mitleid mit dem mühegeplagten Menschengeschlecht uns Pausen zur Erholung von den Mühen eingesetzt. Dies ist die wechselnde Folge der religiösen Feste. Und dazu haben sie den Menschen die Musen und ihren Chorführer Apollon samt Dionysos noch als Festgäste gegeben, damit sie ihre alten angestammten Sitten wieder in Ordnung bringen.”⁴° |
| 3 Das Fest beleuchtet den im Alltag ausgeblendeten Hintergund unseres Daseins, und die Götter selbst frischen die zur Selbstverständlichkeit abgesunkenen und vergessenen Ordnungen wieder auf. Diese Platon-Stelle macht aber auch klar, daß es nicht zwei Ordnungen gibt, die Ordnung des Festes und die Ordnung des Alltags, die Ordnung des Heiligen und die Ordnung des Profanen, die beziehungslos nebeneinanderstehen. Es gibt vielmehr ursprünglich nur eine einzige Ordnung, die als solche festlich und heilig ist und die orientierend in den Alltag hineinwirkt. Die ursprüngliche Funktion der Feste besteht darin, die Zeit überhaupt zu gliedern, nicht etwa eine der „Alltagszeit” entgegengesetzte andere, „Heilige Zeit” zu stiften. Indem die Feste den Zeitfluß strukturieren und rhythmisieren, stiften sie die allgemeine Zeitordnung, in der auch der Alltag erst seinen Platz bekommt. [...] |
40 Platon, leg. [«Nomoi»] 653 d nach Übersetzung von E. Eyth, Heidelberg 1982, 253 f. Vgl. R. Bubner, „Ästhetisierung der Lebenswelt”, in W. Haug/R. Warning [(Hrsg.) (1989), Das Fest (Poetik und Hermeneutik XIV), München]. |
| aus «Das kulturelle Gedächtnis»; S.57f |
| a] siehe A.v.Lange zu den neun Musen |
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| revid.202606 |
| https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit014170057.htm |