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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gérard de NERVAL
KAINS REDE
1 »Der Schlaf und der Tod seien mit dir, mein Sohn. Erfinderisches und unterdrücktes Geschlecht, du leidest um meinetwillen. Eva war meine Mutter. Eblis, der Engel des Lichts, hat den Funken in ihren Schoß gelenkt, der mich belebt und der mein Geschlecht fortgepflanzt hat.[a] Adam, der aus Lehm geformte Hüter einer gefangenen Seele, Adam hat mich ernährt. Ich war ein Sohn der Elohim* und liebte diese zarte Schöpfung Adonais. Ich machte den unwissenden und schwachen Menschen den Geist der Genien dienstbar, die in mir wohnen. Ich habe meinen Ernährer in seinen alten Tagen ernährt und Abel in seiner Kindheit gewiegt ... den sie meinen Bruder nannten. Ach! Ach!
* Elohim sind die ursprünglichen Geister, welche die Ägypter Amonsgötter nannten. Nach der persischen Überlieferung war Adonai oder Jehova (der Gott der Hebräer) nur einer der Elohim [nämlich der des Mondes] (Anm. d. Dichters).
2 Bevor ich die Erde das Töten lehrte, habe ich die Undankbarkeit und die Bitternis erfahren, die einem das Herz brechen. Ich arbeitete ohne Unterlaß und entriß dem harten Boden unsere Nahrung. Zum Wohle der Menschen erfand ich den Pflug, der die Erde urbar macht. Mein Leben machte ich zu einem Opfergang, um ihnen jenen Garten Eden, den sie verloren haben, im Überfluß wieder erstehen zu lassen. O Übermaß an Ungerechtigkeit! Adam liebte mich nicht! Eva konnte nicht vergessen, daß sie um meinetwillen aus dem Paradies verbannt worden war, ihr Herz war um ihres Vorteils willen für mich verschlossen und gehörte allein Abel. Er war verwöhnt und voller Geringschätzung für mich, den er für jedermanns Diener hielt: Adonai war mit ihm, was wollte er mehr? Während ich mit meinem Schweiß die Erde bewässerte, deren König er sich dünkte, trieb er, der geliebte Müßiggänger, seine Herden unter die Sykomoren und schlief. Ich beklage mich: Unsere Eltern rufen Gott zum Richter an; wir bieten ihm unsere Opfer dar, und meines, Getreidegarben, die ich zur Reife gebracht habe, die ersten Früchte des Sommers, mein Opfer wird verächtlich zurückgewiesen ... So hat dieser eifersüchtige Gott immer den erfinderischen, schöpferischen Geist verstoßen und die Macht mit dem Recht der Unterdrückung in die Hände gemeiner Geister gegeben. Das weitere weißt du; aber unbekannt ist dir noch, daß durch den Richtspruch Adonais, der mich zur Unfruchtbarkeit verdammte, unsere Schwester Aklinia, die mich liebte, dem jungen Abel zur Frau gegeben wurde. Daran entzündete sich der erste Kampf der Djinnen oder Kinder der Elohim, die aus dem Feuer geboren wurden, gegen die aus Erde gezeugten Söhne Adonais.
3 Ich trat die Flamme Abels aus ... Der Stamm Adams setzte sich in der Nachkommenschaft Seths fort; und um mein Verbrechen zu sühnen, bin ich zum Wohltäter der Kinder Adams geworden. Unserem Geschlecht, das dem ihrigen überlegen ist, verdanken sie alle Künste, das Handwerk und die Grundlegung der Wissenschaften. Vergebliche Mühen! durch unsere Belehrung machten wir sie frei ... Adonai hat mir nicht verziehen, und deshalb legt er mir unbarmherzig als Verbrechen zur Last, daß ich ein Tongefäß zerbrach, er, der in den Wassern der Sintflut viele Tausende von Menschen ertränkte! der, um ihre Zahl zu verringern, so viele Tyrannen werden ließ!«
aus «Die Geschichte von der Königin ...»; S.94ff
a] vgl. Gen.4,1