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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Rüdiger SAFRANSKI zum
SZIENTISMUS
1 Der radikale Rationalismus, wie er sich seit Spinoza entwickelte, war davon überzeugt, daß die positiven Werte des menschlichen Lebens - Glück, Wahrheit und Tugend - logisch miteinander zusammenhängen und man sie deshalb wissenschaftlich erforschen kann. Ihre Wahrheit galt als ebenso zwingend wie die Wahrheiten der Mathematik. Hier gibt es keine Freiheit des Denkens, allenfalls eine Freiheit zum Denken. Man kann Mathematik meiden, diese Freiheit hat man. Wenn man sich aber darauf eingelassen hat, dann gibt es nur noch den Zwang von Logik und Wahrheit. Warum sollte, was für die Mathematik gilt, nicht auch für andere Bereiche des Lebens gelten? Wir sind so frei, uns auf die Vernunft [lat. ratio] einzulassen. Haben wir dies aber einmal getan, geraten wir unter den Zwang der Vernunftwahrheiten - zu unserem eigenen Wohl. Der Wissenschaftsglaube des 19. Jahrhunderts wird daraus weitreichende Folgerungen ziehen. August Comte zum Beispiel erklärt: »Wenn wir das freie Denken in der Chemie oder der Biologie nicht gestatten, warum sollten wir es dann in der Moral oder der Politik zulassen?«
2 Wer sich von der Wissenschaft nicht vorschreiben läßt, was gut für ihn ist, würde ›böse‹ genannt werden müssen, wenn nicht dieser Ausdruck selbst als ein Fossil aus vorwissenschaftlicher Zeit gelten würde. Deshalb spricht man lieber von Torheit, Irrtum, schädlichem und unproduktivem Verhalten. Jedenfalls kann ein wissenschaftlich abgestütztes Gesetz, das mit verbietet, etwas zu tun, was ich als vernünftiges Wesen im eigenen Interesse eigentlich gar nicht wollen kann, nicht als Einschränkung der Freiheit angesehen werden. Denn Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang: zwischen den erkannten Notwendigkeiten manövrieren und die eigenen Zwecke daran anpassen. Es läßt sich auch von einem ›wissenschaftlichen‹ Standpunkt aus ein rationaler Gesellschaftsmechanismus konstruieren, der das mögliche Optimum zu erreichen verspricht - gemessen an den Wünschbarkeiten, die als Prämissen in dieses Modell eingegangen sind. Sogar diese Wünschbarkeiten - wie z. B. Gerechtigkeit, Produktivität, Sicherheit, materielles Glück für die größtmögliche Bevölkerungszahl - gelten als wissenschaftlich valorisierbar (was Max Weber dann allerdings bestreiten wird). Die Hierarchie der Präferenzen kann, so Comte, wissenschaftlich ausgewiesen werden. So geht Freiheit vollkommen in dem geschlossenen Universum einer verwissenschaftlichten [a] Vernunft auf. Sogar die Geschichte ist machbar. Man begreift ihren Mechanismus und macht sich ihn zunutze. Das 19. Jahrhundert bringt das Projekt einer verwissenschaftlichten Politik hervor; davon träumt Comte, vor allem aber Karl Marx.
aus «Das Böse»; S.178f
a] eigentl. ideologisierten
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit010730178.htm