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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Martin BUBER zur
SÜNDE und DÄMON
1 [...] Hier [Gen.4,7] erst entsteht das Wort, das in der Erzählung vom ›Sündenfall‹ fehlt, das Wort ›Sünde‹, und hier ist es anscheinend der Name eines Dämons, der seinem Wesen nach ein ›Lagerer‹, jeweils am Eingang zu einer Seele, die das Gute nicht meint, kauert und lauert, ob sie ihm zu eigen werde, sie, in deren Macht es immer noch steht, ihn zu übermächtigen. Darf man den Spruch so verstehen, so ist er innerhalb des frühen epischen Schrifttums der Welt der eigentlichste Ruf eines Gotteswesens an den Menschen, sich für das ›Gute‹ zu entscheiden, das heißt, die Richtung auf das Göttliche anzunehmen.
2 Es ist aber zum Verständnis grundwichtig, die beiden Stufen oder Schichten, von denen hier die Rede ist, genau zu unterscheiden. Wir befinden uns zunächst gleichsam im Vorhof der Seele. Hier gibt es in aller Klarheit einen statischen Gegensatz, der an den awestischen von ›gutem [spenta] Sinn‹ und ›schlimmem [angra] Sinn‹ erinnert: es wird zwischen einem Stande der Seele unterschieden, in dem sie das Gute meint, und einem, in dem sie es nicht meint, also nicht eigentlich zwischen einer guten und unguten ›Gesinnung‹, sondern zwschen einer guten Gesinnung und ihrem Fehlen. Erst wenn wir uns mit diesem zweiten Stand, mit dem Mangel an der Richtung auf Gott zu befassen, dringen wir zum innern Seelengemach vor, an dessen Eingang wir dem Dämon begegnen. Hier erst haben wir es mit der echten Dynamik der Seele zu tun, wie sie durch die ›Erkenntnis von Gut und Böse‹ [Gen.2,9], als durch die Selbstaussetzung des Menschen an die Gegensätzlichkeit des innerweltlichen Daseins, nun aber in ihrer sittlichen Ausprägung, gegeben ist. Von der ganz allgemeinen Gegensätzlichkeit, die wie Gut und Übel, so Gut und Schlecht, und so Gut und Böse umfaßt, sind wir in den eingeschränkten, dem Menschen eigentümlichen Bezirk gelangt, in dem nur noch Gut und Böse einander gegenüberstehen. Es ist dem Menschen eigentümlich - so dürfen wir Spätgeborenen es formulieren -, weil er nur introspektiv wahrgenommen, nur im Verhalten der Seele zu sich selbst erkannt werden kann: was ›böse‹ heißt, weiß ein Mensch faktisch nur, insofern er von sich selber weiß, alles andere, was er so nennt, ist nur Spiegeltrug; Selbstwahrnehmung und Selbstverhältnis aber sind das ausgespart Menschliche, der Einbruch in die Natur, das Innenlos des Menschen. Hier also erst auch ist das Dämonische, das nach einem süchtig ist, [...] unmittelbar kennenzulernen, erst von hier aus wird es uns auch in der Welt zugänglich und deutbar. Hier, an der innern Schwelle, ist denn freilich auch kein Raum für Gesinnung mehr; der Kampf muß nun ausgekämpft werden.
aus «Bilder von Gut und Böse»; S.26ff