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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Herman GRIMM zur
GESCHICHTSBETRACHTUNG
1 Wir wissen das wenigste von den Wegen, die unsre eigenen Gedanken gehen, noch weniger von denen unserer besten Freunde, was aber von denen der Menschen, die wir niemals erblickten, die Jahrhunderte vor uns lebten? - was von der geistigen Strömung, welche damals herrschte, als sie lebten? Denn jede Zeit hat ihre eigentümliche Atmosphäre. Die Summe der allgemeinen Kenntnisse, der allgemeinen Wünsche, Erfahrungen und Befürchtungen wirkt stets auf die Menschheit mit einem gewissen Drucke und gibt ihr zugleich das eigentümliche Licht, unter dem allein die richtige Betrachtung möglich wird. Nach dem Dreißigjährigen Kriege [1618-1648] war Deutschland verwüstet, ermattet, man wußte wenig von den Naturwissenschaften, wenn man die Kenntnis unserer Tage dagegensetzt, man lebte unter dem Einflusse von Sitten, Gebräuchen und Gesetzen, die heute nicht mehr vorhanden sind; wer dürfte, was damals gedacht, getan, geschrieben ward, so ansehen, als sei es heute gedacht, getan, geschrieben? Und diese Atmosphäre wechselt nicht nur in Jahrhunderten, sie wechselte schon damals alle Tage, wie sie es heute tut. Der indische Krieg [Sepoyaufstand 1857-1858] hat uns alle anders gemacht. Wir denken nach den dortigen Schlachten anders über die Engländer, als wir nach dem Krieg vor Sebastopol [Krimkrieg 1853-1856] taten, wir dachten damals anders über sie, als man nach der Schlacht von Waterloo [18.VI.1815] sie beurteilte.
2 Wir sehen, daß Scheußlichkeiten in unseren Tagen möglich sind, die vorher keine Phantasie ersonnen hätte. Ebenso hatte uns der russische Krieg verändert, ebenso hatte es die gewaltige Ausbreitung der Dampfschiffe und Telegraphen getan. Wer durfte die Kriege Cäsars in Germanien so ansehen, als hätte es damals telegraphische Depeschen gegeben? Niemand wird das tun, es wäre lächerlich. Bald aber wird es schon schwieriger sein, wenn diese Erfindungen völlig in Leib und Leben übergegangen sind. Shakespeare läßt Cäsar mit Kanonen schießen. Das wissen wir freilich alle besser. Wie es aber bei seinen Schlachten zuging, kann dennoch niemand sagen, denn wären auch seine eigenen Berichte darüber doppelt so genau, doppelt so deulich und ohne den kleinsten Irrtum abgefaßt, es wäre trotzdem so viel darin ausgelassen, das sich zu Cäsars Zeiten von selbst verstand, es wäre bei so manchem Worte die Zeit und das römische Publikum nötig, um es gerade in dem Sinne zu begreifen, in dem Cäsar es gebrauchte, daß wir dennoch kein getreues Bild seiner Taten empfangen würden.
3 Ich will hier keineswegs zu dem Schlusse gelangen, daß man überhaupt nichts wissen könne, weil alles sich der Beobachtung entzöge; ich möchte nur gezeigt haben, wie sich die Ansicht verteidigen läßt, daß wer die Dinge dadurch kennenlernen will, daß er sie zerlegt [analysiert a], die Gedanken dadurch, daß er sie entwirrt und im einzelnen verfolgt, die Geschicke der Menschen und Völker dadurch, daß er sie teilt, diese Teile dann zum zweitenmale und drittenmale teilt und immer vom kleineren zum kleineren fortschreitet, eine unendliche Arbeit vornähme, zu der ihn die menschliche Unvollkommenheit nicht geschickt genug machte. [...] All unser Wissen ist Stückwerk. Was wir an großen Gelehrten bewundern, ist nicht der ungeheure Vorrat ihrer Kenntnisse, sondern der dunkle Trieb, durch den geleitet sie zu sammeln begannen und der sie in ihrem Geiste zu Resultaten der Erkenntnis ordnete; das Wunder, das geschah, indem die Betrachtung der Dinge den Menschengeist zu einem schöpferischen Teile der Welt gestaltete. Die Ahnung des Ganzen, die ihm innewohnt, bildet den Gegensatz gegen die ungeheure Zersplitterung in einzelne Symptome, in die sich alles Leben auflöst, sobald wir es in den kleinsten Momenten betrachten wollen. Sie läßt uns die Welt, die in Staub zu zerfließen droht, wenn wir mit den Händen nach ihr greifen, so fest dennoch erfassen, daß nicht ein Atom ihrer Unendlichkeit verloren geht. Unsere Neugier nach rückwärts und vorwärts ist keine Spielerei ohne Zweck und Ziel. Tragen wir ein Gefühl der Dinge in uns, so lernen wir sie kennen, und alles nimmt Gestalt an und wird wahrhaft. Die ganze Welt im lichtesten Sonnenscheine daliegend wäre, so gut als wäre sie nicht da, ohne das Auge des Menschen, ein ganzer Himmel voll Melodien nicht vorhanden, ohne das Ohr des Menschen, Bibliotheken voll der wissenswürdigsten Tatsachen sind tote Buchstaben ohne den Geist, der die Worte zu deuten weiß. Alles Leben wird nur wahrhaftig, indem es sich im Geiste des Menschen spiegelt.[b]
in „Friedrich der Große und Macaulay”
aus «Essays»; S.114ff
a] vgl. Mbl.3: Anm.2
b] vgl. R.Steiner zu Gehirn als Spiegel