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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zur
NEUMANNSCHEN ETHIK
1 [...] Man muß berücksichtigen, daß Neumann ein Jude ist und infolgedessen das Christentum nur von außen kennt; und zudem muß man wissen, daß es den Juden auf die drastischste Weise demonstriert worden ist, daß das Böse «stets projiziert wird». Übrigens - was die Beichte anbelangt -, so steht es tatsächlich so, daß jemand etwas, das er nicht für eine Sünde ansieht, auch nicht zu beichten hat. Wenn Neumann [a] anstelle des christlichen Gewissens die «innere Stimme» als Kriterium des Ethischen empfiehlt, so steht er damit durchaus in Übereinstimmung mit der östlichen Ansicht, daß jedem ein Richter im Herzen wohnt, der alle seine bösen Gedanken weiß. Er steht auch mit sehr vielen christlichen Mystikern in dieser Hinsicht auf gutem Fuße. [...] Für die innere Stimme gibt es tatsächlich keine äußere Rechtfertigung - einfach darum nicht, weil niemand weiß, was gut und was böse ist. Es wäre ja furchtbar einfach, wenn man nach dem Dekalog gehen könnte oder nach dem Strafgesetzbuch oder nach irgendwelchem Sittenkodex. Alle diese dort angeführten Sünden sind so offenkundig unzweckmäßig oder morbid, daß jeder vernünftige Mensch ohne weiteres deren Unangebrachtheit einsieht. Bei der ethischen Entscheidung handelt es sich um sehr viel kompliziertere Dinge, nämlich um Pflichtenkollisionen, was das Teuflischte ist, was je erfunden wurde, und zugleich das Einsamste, was sich je der Einsamste von allen, nämlich der Weltschöpfer, hat träumen lassen. In der Pflichtenkollision sagt der eine Kodex Hüst und der andere sagt Hott, und Sie sind so klug als wie zuvor. Es ist tatsächlich so, daß was dem einen gut ist, dem andern böse erscheint. Denken Sie sich nur einmal den Fall einer treubesorgten Mutter, die ihrem Sohn in allem und jedem dazwischenfährt aus selbstlosester Besorgnis natürlich - in Wirklichkeit aber mit mörderischem Effekt. Für die Mutter ist es natürlich gut, wenn der Sohn dies nicht tut und jenes nicht tut, und für den Sohn ist dasselbe einfach der moralische und physische Untergang - also wohl kaum gut.
2 Sie haben ganz Recht, daß Neumanns Individualethik in noch viel schlimmerer Weise den Menschen überfordert, als die christliche Ethik es tut. Der einzige Fehler, den Neumann hier begeht, ist ein taktischer: nämlich er sagt es laut, unvorsichtigerweise, was doch schon immer wahr war. Sobald die Ethik sich absolut gebärdet, ist sie eine Katastrophe. Man kann sie nur relativ nehmen, wie man auch Neumann nur relativ verstehen kann, nämlich als einen religiösen Juden deutschen Ursprungs und in Tel Aviv lebend. Wenn jemand meint, man könne Weltanschauungen einfach abräumen, so täuscht er sich: Diese sind auf Archetypen begründet, denen man so leicht nicht beikommt. Bei Neumann ist der Anschein Ausfluß einer Gedankenoperation, die er für sich vollziehen muß, um eine neue Grundlage für seine Ethik gewinnen zu können. Er ist von dem moralischen Chaos als Arzt aufs tiefste beeindruckt und fühlt sich in höchstem Maße verantwortlich. Aus dieser Verantwortlichkeit heraus versucht er sich das ethische Problem zurechtzulegen, nicht um gewissermaßen einen Gesetzesukas damit herauszugeben, sondern um seine ethischen Überlegungen zu klären, natürlich in der Erwartung, dies damit auch für seine Umwelt zu tun.
3 Sie müssen bei der Lektüre einer solchen Schrift auch berücksichtigen, in was für einer Welt wir leben. Sie wissen vielleicht, daß das Christentum heutzutage schon dadurch relativiert ist, daß die Kirche in sich gespalten ist in soundso viele Millionen Katholiken und soundso viele Millionen Protestanten und daß überdies von Thüringen bis Wladiwostok der Bolschewismus herrscht - und überdies es einen Osten gibt mit etwa einer Milliarde Nichtchristen, die auch ihre Weltanschauungen haben. Da nun diese Welt nur eine ist, sind wir tatsächlich mit der Frage konfrontiert: Wie setzen wir uns damit auseinander? Wir können uns nicht einfach auf unsere Anschauung beschränken, sondern müssen notwendigerweise einen Standort ausfindig machen, von dem aus eine Ansicht möglich wird, welche tatsächlich einen kleinen Schritt über die christliche sowohl wie die buddhistische etc. hinausgeht. [...] Neumann setzt im tiefsten eine Position, die für jedermann gültig ist. Gibt es einen inneren entscheidenden Faktor, so muß er für alle Menschen gültig sein. Die Frage ist nur: Gibt es eine innere Stimme, d. h. eine Bestimmung? Unzweifelhaft gibt es sie für vielleicht 99% der Menschheit nicht, wie es für diese große Mehrzahl überhaupt eine Unmenge von Dingen nicht gibt - ganz einfach, weil sie nicht darum wissen. Es gibt ja nicht einmal eine ganz gewöhnliche Hygiene, die für mehr als 90% der Menschheit gültig wäre, geschweige denn einen entsprechenden Sittenkodex. Wenn die ethische Entscheidung in letzter Linie nicht irgendwie im menschlichen Wesen drin gegeben ist, dann ist der Fall allerdings vollständig hoffnungslos, denn kein Gesetzbuch hat auf die Dauer vorgehalten. [...] Was Sie aus Sittenkodizes und Moralhand- und Starfgesetzbüchern lernen können, das sind Zweckmäßigkeiten, die kein intelligenter Mensch übersehen wird. Für die Pflichtenkollisionen aber ist nie ein Gesetzbuch geschrieben worden, und dort allein fängt die eigentliche ethische Frage an. Einzig dort kann man ethische Verantwortlichkeit lernen. Das übrige wird durch Anpassung und ganz gewöhnliche Klugheit erledigt. Ich erachte es keineswegs als ein besonderes moralisches Verdienst, wenn jemand all das, was man landläufig als eine Sünde ansieht, vermeidet. Ethischer Wert kommt allein jener Entscheidung zu, die aus einem supremen Zweifelszustand heraus getroffen wird. Das ist die Frage, die Neumann auf der Seele brennt, und dafür hat er auch meine Unterstützung, ob das nun meine Position relativiert oder nicht. [...]
S.113ff
4 Als Regel zum Bücherlesen möchte ich Ihnen empfehlen, immer zu berücksichtigen, wer der Autor ist. So viel sollte man nachgerade gelernt haben, daß durch Wörter ausgedrückte Gedanken nie etwas Absolutes darstellen und daß nur kritiklose Leute sich aus Gedankenfetzen neue Kleider machen.
S.118
Bollingen, 13. I. 1949
aus «100 Briefe»
a] in «Tiefenpsychologie und Neue Ethik»; Zürich 1949