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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zum
BÖSEN
1 § 109 Und was ist dies [Prinzip]? Der Satan. Das lehrt, daß es bei Gott ein Prinzip [MIDDA] gibt, das „böse” heißt, und es liegt im Norden Gottes, denn es heißt [Jerem. 1,14]: „Von Norden her öffnet sich das Böse”, das heißt: alles Böse, das über alle Bewohner der Erde kommt, kommt vom Norden. Und welches Prinzip ist dies? Es ist die „Form” der Hand, und sie hat viele Boten, und alle heißen „böse”, jedoch gibt es größere und kleinere darunter. Und sie sind es, die die Welt in Schuld stürzen, denn [das] Tohu ist von Norden, und Tohu bedeutet eben [das] Böse, das die Menschen verwirrt, bis sie sündigen, und der ganze böse Trieb im Menschen stammt von dort. Und warum ist er an die linke [Seite] gestellt? Weil nirgends in der Welt sein Gebiet ist außer im Norden, und er nur an den Norden gewöhnt ist und nur im Norden sein will, denn sollte er im Süden sein, so würde, bis er die Art des Südens gelernt hätte und wie er [dort] verführen könnte, er diese Tage seines Lernens untätig sein und keine Sünde hervorrufen [können]. Darum ist er stets zur Linken, und das bedeutet der Vers [Gen. 8,21]: „Denn der Trieb des Menschenherzen ist böse von Jugend an”, er ist böse von seiner Jugend an, und mag nur zur Linken sein, an die er schon gewöhnt ist. Darum sagte Gott zu Israel [Exod. 15,26]: „Wenn du auf Gottes Stimme hörst, und was recht ist in Seinen Augen tust, und Seinen Geboten gehorchst” - und nicht den Geboten des bösen Triebes - „und Seine Satzungen einhältst” - und nicht die Satzungen des bösen Triebes - dann „bin Ich, der Ewige, dein Arzt”.
aus «Das Buch Bahir»; S.116f
[vgl. Columbanus über Feind, Freiheit und Würde]
2 Wie wenige gibt es, die sich den Luxus leisten, nicht ausschließlich an ihre eigene Bewahrung zu denken. Je mehr Erfahrungen ich sammle, umso klarer wird mir, daß so gut wie alles Böse, das in unserer Gesellschaft getan wird - und es wird nicht viel anderes getan -, aus Schwäche geschieht. Die Menschen fühlen sich dem Leben nicht gewachsen; was sollen sie tun? Sie haben nicht genug für sich selbst; wie sollen sie etwas verschenken? Wie sollen sie gerecht sein, wie sollen sie freudig verehren? Nur wer über einen Überschuß an Kraft verfügt, kann den Nächsten bejahen, ohne sich selbst aufzugeben.
José Ortega y Gasset
in „Von Madrid nach Asturien”; 1921
aus «Gesammelte Werke I»; S.159
3a [... Dem XX.Jahrhundert] gegenüber läßt sich das Böse nicht mehr durch die Euphemie der privatio boni [Raub des Guten] verharmlosen. Das Böse ist bestimmende Wirklichkeit geworden. Es kann nicht mehr durch Umbenennung aus der Welt geschafft werden. Wir müssen lernen, damit umzugehen, denn es will mitleben. Wie das ohne größten Schaden möglich sein sollte, ist vorderhand nicht abzusehen.
Auf alle Fälle bedürfen wir einer Neuorientierung, d. h. einer Metanoia [a]. Wenn man das Böse berührt, so besteht die dringende Gefahr, daß man ihm verfällt. Man darf also überhaupt nicht mehr «verfallen», auch nicht dem Guten. Ein sogenanntes Gutes, dem man verfällt, verliert seinen moralischen Charakter. Nicht daß es an sich schlecht geworden wäre, aber es entwickelt böse Folgen, weil man ihm verfallen ist. Jede Form von Süchtigkeit ist von Übel, gleichgültig ob es sich um Alkohol oder Morphium oder Idealismus handelt. Man darf sich von den Gegensätzen nicht mehr verführen lassen. NGC 1999 im Orion © by NASA
Das Kriterium ethischen Handelns kann nicht mehr darin bestehen, daß das, was man als «gut» erkennt, den Charakter eines kategorischen Imperativs besitzt, und daß das sogenannte Böse unbedingt vermeidbar ist. Durch die Anerkennung der Wirklichkeit des Bösen wird das Gute als die eine Hälfte eines Gegensatzes notwendigerweise relativiert. Das gleiche gilt für das Böse. Beide zusammen bilden nun ein paradoxes Ganzes. Praktisch heißt das, daß Gut-Böse ihren absoluten Charakter verlieren, und wir gezwungen sind, uns darauf zu besinnen, daß sie Urteile darstellen.
S.331f
3b Wer also eine Antwort haben will auf das heute gestellte Problem des Bösen, der bedarf in erster Linie einer gründlichen Selbsterkenntnis, d. h. einer bestmöglichen Erkenntnis seiner Ganzheit. Er muß ohne Schonung wissen, wieviel des Guten er vermag und welcher Schandtaten er fähig ist, und er muß sich hüten, das eine für wirklich und das andere für Illusion zu halten. Es ist beides wahr als Möglichkeit, und er wird weder dem einen noch dem anderen ganz entgehen, wenn er - wie er es eigentlich von Hause aus müßte - ohne Selbstbelügung oder Selbsttäuschung leben will.
S.333
Carl Gustav Jung
aus «Erinnerungen, Träume Gedanken»
4 Das Böse stammt von dem Glauben, dass unser Groll wichtiger ist als alle gesellschaftlichen Normen. Jede Person hat beispielsweise eine Seite, die ihr sagt: »Du bist hungrig, also darfst du handeln, um deine Gier [b] zu befriedigen.« Andererseits versuchen wir, die gesellschaftlichen Normen zu befolgen.[c] Wenn man seine Unzufriedenheit über diese Normen stellt, ist das böse.
Judea Pearl
in »Spektrum der Wissenschaft« 11/2018; S.79
5 Man muß nicht den Teufel bemühen, um das Böse zu verstehen. Das Böse gehört zum Drama der menschlichen Freiheit. Es ist der Preis der Freiheit. Der Mensch geht nicht in der Natur auf, er ist das »nicht festgestellte Tier«, wie Nietzsche einmal sagte. Das Bewußtsein läßt den Menschen in die Zeit stürzen: in eine Vergangenheit, die ihn bedrängt; in eine Gegenwart, die sich entzieht;[d] in eine Zukunft, die zur Drohkulisse werden kann und die Sorge wachruft. Es wäre alles einfacher, wenn das Bewußtsein nur bewußtes Sein wäre. Aber es reißt sich los, wird frei für einen Horizont von Möglichkeiten. Das Bewußtsein kann die gegebene Wirklichkeit transzendieren und dabei ein schwindelerregendes Nichts entdecken oder einen Gott, in dem alles zur Ruhe kommt. Und es wird den Verdacht nicht los, daß dieses Nichts und Gott vielleicht ein und dasselbe sind. Jedenfalls kann ein Wesen, das ›nein‹ sagt und die Erfahrung des Nichts kennt, auch die Vernichtung wählen. Die philosophische Tradition spricht in bezug auf diese prekäre Situation des Menschen von einem ›Mangel an Sein‹. [...]
Das Böse ist kein Begriff, sondern ein Name für das Bedrohliche, das dem freien Bewußtsein begegnen und von ihm getan werden kann. Es begegnet ihm in der Natur dort, wo sie sich dem Sinnverlangen verschließt, im Chaos, in der Kontingenz [Unnotwendigkeit], in der Entropie, im Fressen und Gefressenwerden. In der Leere draußen im Weltraum ebenso wie im eigenen Selbst, im schwarzen Loch der Existenz. Und das Bewußtsein kann die Grausamkeit, die Zerstörung wählen um ihrer selbst willen. Die Gründe dafür sind der Abgrund, der sich im Menschen auftut.
Rüdiger Safranski
aus «Das Böse»; S.13f
a] vgl. Mt.3,2 et al.
b] im Unterschied zum Bedürfnis
c] eher wohl den gesellschaftlichen Normen scheinbar gerecht zu werden
d] vgl. im Gegensatz dazu Mbl.6: Anm.>G>