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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
JOHANNES dem TÄUFER
1 Folgen wir zunächst den Wegen des Johannes*. War die Nazareth*-Jugend Jesu* von dem kosmischen Kindheitszauber von Galiläa* überglänzt, so fiel in den Lebensanfang des Johannes schon früh der Schatten eines tiefen Ernstes. Das Zusammenleben mit den greisen Eltern, mit dem Vater*, der immer, wenn er von den Wochen seines Priesterdienstes heimkam, einen Hauch von der dunklen Strenge des Tempels* mibrachte, ließ von vorneherein keine frohe und unbefangene Kindheit aufkommen. Die ernste und an Geschichte schwere judäische Landschaft um Ain Keren, dem Wohnort des Zacharias nahe bei Jerusalem*, paßte zu der Stimmung, in die Johannes hineinwuchs. Seine Eltern, die in ihrem hohen Alter eigentlich nicht mehr mit der Geburt eines Kindes hatten rechnen können, sahen in dem Knaben ein ganz besonderes Wundergeschenk Gottes und weihten ihn, der Weisung des Engels* getreu, der dem Vater im Tempel bei der Darbringung des Opfers* erschienen war, der strengen Regel des Nasiräertums. Nun war allem kindlichen Spiel und Frohsinn endgültig der Rücken gekehrt. An Stelle einer heiteren Liebe zur irdischen Natur und Schönheit trat mit all den asketischen und büßerischen Übungen, die der Nasiräerzögling durchzuführen hatte, eine mehr dem Himmel* als der Erde* zugewandte innere Haltung.
2 Mit brennender Feuerseele muß sich der Jüngling, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, dem nasiräischen Geistesleben hingegegeben haben, insbrünstig ringend um seherisches Schauen und prophetische Wortoffenbarung.
3 Die Sehnsucht, einmal als Bote des Gottes vor seine Zeit hintreten zu dürfen, wurde größer und drängender in ihm. Je weiter ihn aber das feurige Bemühen seiner Seele aus der Ebene des alltäglichen Lebens und Bewußtseins heraushob und an die Sphäre der Geistesahnung herantrug, um so deutlicher und erschreckender wurde ihm zunächst klar, in welcher trostlosen, chaotischen Seelenverarmung die Menschheit sich bereits befand. Der tragenden Gotteshand entsunken, schien ihm die Welt der Menschen, ohne es zu bemerken, einem schauerlichen Abgrund* zuzusteuern, den Zornflammen eines unerbittlichen Weltunterganges und Weltgerichtes preisgegeben. Nur die unter den Nasiräern stets lebendig erhaltene erwartungsvolle Überzeugung von der bevorstehenden Ankunft des Messias* gab Johannes die Kraft, durch die Waberlohe der erschreckenden Visionen, die sich vor seiner Seele hinstellten, hindurchzudringen. Und dann mögen den in ihm glimmenden und glühenden Licht der nasiräischen Messiashoffnung leuchtende Geistesbilder und trostvolle Geistworte geantwortet haben, durch die er selber etwas von der herannahenden hilfebringenden Wesenheit und Kraft wahrnahm.
4 Fern von den Menschen, in der ins Kosmische gesteigerten Einsamkeit der rauhen, natur- und lebensfremden judäischen Bergwüste, ging Johannes seine inneren Wege. Auf die unterirdische Welt des Toten Meeres* niederblickend, fühlte er sich von einer Sphäre aufgenommen, in der nur weilen kann, wer vom irdischen Leben Abschied genommen hat. Dann und wann mag er anderen Einsiedlern, Nasiräern oder Essäern, begegnet sein, die gleich ihm dort seherische Ausschau hielten nach dem ersehnten Gotteswesen. Durch sie ist er dann wohl auch in die klosterähnlichen Siedlungen der Essäer gekommen, die es in der Wüste Juda und am Toten Meere gab. Aber dann trieb es ihn, obwohl er unter den Essäern viele fand, die auf sein Wort hörten, doch immer wieder in die letzte Einsamkeit zurück. Alle Seelen, denen er begegnete, schienen ihm viel zu lahm und zu lau; sie brannten ihm nicht heiß genug im Feuer des messianischen Willens.
5 Die Felshöhle, die er zu seiner Klosterzelle machte, lag in einer steil und tief eingeschnittenen Talschlucht der Wüste und war von heiligen Erinnerungen aus ferner Vorzeit umwoben. Dort, am Bache Krith, hatte vor 800 Jahren der Prophet* Elias* in einsamer Versenkung geweilt, die Not der Menschheit tief in seine Seele aufnehmend und aus dem Geistgebiet Zeichen* künftiger Erlösung empfangend.⁵⁹ Vielleicht hat Johannes sich oftmlas, wenn er jetzt an der gleichen Stelle um Offenbarung rang, vom Genius des Elias überschattet gefühlt. Die Bilder vom nahen Weltgericht erschienen ihm dann als eine Fortsetzung und Steigerung der Menschheitsnot, die einst dem Elias im Bilde der großen Dürre und Hungersnot zum Bewußtsein gekommen war. Und die ahnungs- und trostvollen Durchblicke in die herannahende Lichtsphäre des Messias beseligten ihn, als würde er, wie einst Elias, von den Raben* mit göttlichem Brote* gespeist.
6 Als Johannes an sein dreißigstes Lebensjahr herankam, wurde die Spannung und Dringlichkeit seiner Geisterlebnisse so groß, daß es ihn nicht mehr in der Einsamkeit hielt. Eine gewaltige Sturmflut geistiger Ereignisse schien ihm mit atemberaubendem Ungestüm an die Küste der Erdenmenschheit heranzubranden. Das wahrzunehmen kam einer unmittelbaren Sendung und Beauftragung, einer göttlichen Berufung zum offenen prophetischen Hervortreten gleich. Es ging nicht länger an, die drängende Überfülle von Erkenntnis und Kraft, die in der Einsamkeit gereift war, in die eigene Seele einzuschließen. Und so fing Johannes an, zu den Menschen zu sprechen. Nicht begab er sich in das Menschengewimmel von Jerusalem. Er wählte für sein Wirken eine ganz besondere Landschaft. Tief unten am Fuße der Bergwüste in der Jordanaue, aber nicht im Bereiche der üppigen Gärten von Jericho*, sondern da, wo das Tote Meer bereits seine unheimlichen Todeswirkungen den Jordanfluten entgegensendet, erhob er seine Stimme. Es war, als wählte er am tiefsten Punkt der Erdoberfläche stehend, für seine Verkündigung eine Landschaft, die als solche schon ein Bild für den inneren Zustand der Menschheit war: eine Landschaft des Sündenfalles, des Abgrundes und des kosmischen Ersterbens. Wenn er dann den Schleier wegzog vor den Bildern des nahen Weltgerichtes, wenn er den Menschen zeigte, daß die fällende Axt bereits an die Wurzel des Menschheitsbaumes gelegt war,[Mt. 3,10] so sprach er nur mit Worten das noch einmal aus, was die Sodom*- und Gomorrha*-Landschaft, in der er stand, schweigend aussprach. Aber in eben diese Lage äußerster Bedrohung, in die Welt am Rande des Abgrundes, konnte und mußte er, zur Sinneswandlung auffordernd, das prophetische Wort hineinrufen: »Die Reiche der Himmel sind nahe herbeigekommen!«[Mt. 3,2]
S.171ff
59 siehe »Könige und Propheten« S. 169f. und S. 184.
S.361
aus «Cäsaren und Apostel»
* zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch