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Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Okeanos
Okeanos [ὁ Ὠκεανός], der erste Titan, „der rings um die Welt sein Meer schlaflos hinströmende” (Äschylos, Der gefesselte Prometheus 138 f), vermählte sich mit seiner Schwester Tethys [ἡ Τηϑύς]. Doch gibt es - Hesiod und Homer nicht bekannte - Spuren einer archaischen Kosmogonie, derzufolge Okeanos und Tethys das männliche und weibliche Prinzip der Urgewässer verkörperten; kurz, sie sind das Urpaar, aus dem die Götter und die ganze Wirklichkeit hervorgehen; siehe L. Séchan/P. Lévêque, [ Les grandes divinités de la Grèce], 50,51,65; D. Sabbatucci, [Saggio sul misticismo greco (Rom 1965)], 110-116; und vor allem die bedeutende Darstellung von J. P. Vernant, Thétis et le poème cosmogonique d'Alcman, in: Hommage à Marie Delcourt, Latomus 114 (1970) 38-69, mit einer umfassenden Bibliographie [...].
aus «Geschichte der religiösen Ideen - Bd.1»; S.399f
[...] Okeanos war ein Flußgott; Fluß oder Strom und Gott in einer Person, wie die übrigen Flußgötter auch. Unerschöpfliche Zeugungskraft besaß er gleichfalls wie unsere Flüsse, in deren Wasser die Griechenmädchen vor ihrer Hochzeit badeten, und die daher auch als die Stammväter alter Geschlechter galten. Doch war Okeanos kein gewöhnlicher Flußgott, da sein Strom kein gewöhnlicher Strom war. Nachdem alles aus ihm seinen Ursprung genommen hat, fließt er immer noch am äußersten Rand der Erde, in sich zurückströmend, im Kreise. Die Flüsse, Quellen und Brunnen, ja das ganze Meer, alle entspringen fortwährend seinem breiten, starken Strom. Er allein durfte, als die Welt schon unter der Herrschaft des Zeus stand, an seinem alten Ort bleiben, der eigentlich kein Ort, sondern nur Strömung, Umgrenzung und Abtrennung ist vom Jenseits.
Es ist indessen nicht richtig, zu sagen: «er allein». Mit Okeanos war die Göttin Tethys verbunden, die mit Recht als «Mutter» bezeichnet wird³. Mit wem hätte Okeanos der «Ursprung von allem» sein können, wenn in seiner Person nur ein männlicher Urstrom dagewesen wäre und keine empfangende Ur-Wassergöttin mit ihm? Wir verstehen auch, warum bei Homer berichtet wird, das Ur-Paar halte sich seit langer Zeit schon von der Zeugung zurück⁴. Sie tun dies aus Zorn gegeneinander: eine Begründung, die in solchen uralten Erzählungen wohl natürlich ist. Hätte aber die Urzeugung nicht aufgehört, so würde auch unsere Welt keinen Bestand haben, keine runde Grenze und kein Kreislauf würde in sich zurückkehren. Alles wäre ins Grenzenlose weiter gezeugt worden. Dem Okeanos blieb also nur die Strömung im Kreise, das Nähren der Quellen, der Flüsse und des Meeres - und die Unterordnung unter die Macht des Zeus.
S.21f
Die alte Erzählung [von der Nacht, dem Ei und Eros] in unserem meerumflossenen Lande ging aber wahrscheinlich so weiter, daß sich ursprünglich Okeanos unten im Ei befand, doch nicht allein, sondern mit Tethys, und sie empfanden als erste die Wirkung des Eros [ὁ ἔρος]. Wie es in einem Gedicht des Orpheus hieß¹³: «Okeanos war der erste, der schön fließende, der mit der Begattung begann: er nahm die Schwester von derselben Mutter, die Tethys, zur Frau.» Die gemeinsame Mutter aber war jene, die das silberne Ei gelegt hatte: die Nacht.
S.23
[...] Wird Okeanos als bärtiger Mann mit Stierhörnern dargestellt, so war [sein Sohn] Acheloos das Vorbild dazu. Sonst entwachsen dem mächtig behaarten Schädel des Vater Okeanos - zuletzt nur seiner Maske, einem Antlitz von tiefem, fast traurigem Ernst - Hummerscheren und -fühler. [...]
S.59
[...] das kalte Wasser vielen Namens, welches vom hohen Felsen herunterstürzt. Es ist das Wasser der Styx. Auch dieses Wasser entströmt dem Horn des Okeanos, unter der Erde, in tiefer Nacht. Zehngeteilt ist sein Strom. Neun Arme umfließen die Erde und das Meer. Ein Arm fließt aus dem Felsen hervor, zum Schaden der Götter. [...]
S.63
³ Il.[Homeri Ilias] 14. 201
⁴ Il. 14. 206
¹³ Or.[O.Kern, Orphicorum fragmenta] 15
S.272
Karl Kerényi
aus «Die Mythologie der Griechen»