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Gedichtsammlung
Chor der Ungeborenen
Wir Ungeborenen
Schon beginnt die Sehnsucht an uns zu schaffen
Die Ufer des Blutes weiten sich zu unserem Empfang
Wie Tau sinken wir in die Liebe hinein.
Noch liegen die Schatten der Zeit wie Fragen
Über unserem Geheimnis.
Ihr Liebenden,
Ihr Sehnsüchtigen,
Hört, ihr Abschiedskranken:
Wir sind es, die in euren Blicken zu leben beginnen,
In euren Händen, die suchende sind in der blauen Luft -
Wir sind es, die nach Morgen Duftenden.
Schon zieht uns euer Atem ein,
Nehmt uns hinab in euren Schlaf
In die Träume, die unser Erdreich sind
Wo unsere schwarze Amme, die Nacht
Uns wachsen läßt,
Bis wir uns spiegeln in euren Augen
Bis wir sprechen in euer Ohr.
Schmetterlingsgleich
Werden wir von den Häschern eurer Sehnsucht gefangen -
Wie Vogelstimmen an die Erde verkauft -
Wir Morgenduftenden,
Wir kommenden Lichter für eure Traurigkeit.
Nelly Sachs
in „Chöre nach der Mitternacht”
aus «Das Leiden Israels»; S.105f