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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Markus OSTERRIEDER zur
WISSENSCHAFTLICHEN FARBBLINDHEIT
1 Ausschlaggebend für die Zuordnung der seelischen Erlebnisse ist ferner, in welch jeweiligem Welt- und Menschenbild die gedankliche Durchdringung wurzelt.[a] Macht man sich mit der zeitgenössischen Nationalismusforschung vertraut, wird man unschwer feststellen, dass diese Einschränkung in demselben Maß für den wissenschaftlichen Diskurs selbst zutrifft. Denn auch der Historiker beurteilt eine Epoche auf der Grundlage seines eigenen vorgegebenen ›chromatischen Raums‹, seines Bewusstseinsraumes, dessen weltanschauliche Färbung seine Wahrnehmung bestimmt, solange er sich der eigenen Einseitigkeit und Ausschnitthaftigkeit nicht bewusst wird. Eine entsprechende »Farbblindheit« führt dazu, dass ein ganzer Ausschnitt des Wirklichkeits- und Erfahrungsspektrums gar nicht wahrgenpommen werden kann oder seine Existenz schlichtweg geleugnet wird. Es ist in diesem Fall ähnlich wie mit dem blinden Fleck auf der Netzhaut: »Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen«.¹⁴
14 Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, München 1990, S. 23.
Zwei Faktoren unterstreichen dieses Problem. Wenn der jeweilige ›chromatische Raum‹ der wissenschaftlichen Betrachtung nicht anstrebt, sich in eine spezifische Begriffs-, Vorstellungs-, Funktions- und Bilderwelt hineinzufinden, weil der Betrachter ihr a priori keinen Bezug zu einer Ebene der Wirklichkeit zugestehen kann, oder aber ein ideologischer bzw. reduktionistischer ›Tunnelblick‹ die Anerkennung des ganzen chromatischen Spektrums verengt, dann bleibt der Betrachter für jene Ebene der Wirklichkeit letztlich blind bzw. findet sich in seinem eigenen Raum gefangen, spiegelt letzten Endes sich selbst.¹⁵
15 Diese Zusammenhänge zwischen Bewusstseinsprägung und Historiographie reflektieren die Arbeiten von Jörn Rüsen: Grundzüge einer Historik, Bd. 3: Lebendige Geschichte. Formen und Funktionen des historischen Wissens, Göttingen 1989; Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens, Frankfurt/M. 1990; Western Historical Thinking: An Intercultural Debate. Hrsg. v. Jörn Rüsen, New York 2002.
Neben der zeitlichen Dimension besteht zudem die räumliche, was kulturspezifische Unterschiede beinhaltet. Nicht nur, dass das französische nation andere kulturelle und sprachliche Konnotationen (eine andere ›Chromatik‹) umschließt als das russische narod, andere Konzepte und seelische Komponenten zum Ausdruck bringt, die einer spezifischen kulturellen Erfahrung entsprechen. Sondern der Sprechende wird auch mit dem Problem konfrontiert, das dann eintritt, wenn Begriffe und Vorstellungen in andere Kulturkontexte übertragen werden, ohne dass dabei der Wandel der ›Chromatik‹ in seinen möglichen Auswirkungen in das Bewusstsein dringt, so dass ein eigensprachliches Verständnis oftmals verabsolutiert wird.¹⁶ Dies ist heute in der Forschungsliteratur vor allem bei Begrifflichkeiten der Fall, die dem anglo-amerikanischen Kulturkontext entnommen sind.
16 Anna Wierzbicka: Understanding Cultures through Their Key Words: English, Russian, Polish, German, and Japanese, Oxford; New York 1995, S. 33f; Anna Wierzbicka: Semantics, Culture, and Cognition: Universal Human Concepts in Culture-Specific Configurations, Oxford 1992.
Der vielfach verwendete englische Begriff des Nation-Building etwa setzt noch heute wie selbstverständlich voraus, dass der Vorgang einer ›Staatsgründung‹ (state-building) vom Aufbau eines gemeinschaftlichen Bewusstseins der darin lebenden Menschen begleitet werden soll (im Gegensatz zur Bildung des Einzelmenschen), in Form von meist politisch definierten Symbolen, Einrichtungen und Werten, deren Definition zum allergrößten Teil der westeuropäischen historischen Erfahrung und Wahrnehmungs-›Chromatik‹ entstammt.¹⁷ Vollzieht sich dieses nation-building jedoch nicht so, wie man es den theoretischen (chromatischen) Rastern zufolge notwendigerweise erwartet, wird in der Regel von »gescheiterten Staaten« (failed states) gesprochen, anstatt dass man das eigene Raster anhand der jeweiligen Wirklichkeit mit ihrer eigenen, innewohnenden Chromatik überdenkt. Der Fund for Peace mit Sitz in Washington D.C. und die politikwissenschaftliche Zeitschrift Foreign Policy führten dementsprechend 2011 in ihrer Aufstellung von 177 Staaten der Erde 138 unter der Rubrik »Alarm« oder »Warnung«, lediglich zwölf galten als »nachhaltig« (sustainable).¹⁸
17 »In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hat sich der Begriff Nation-Building auf breiter Front durchgesetzt, er wurde zum selbstverständlichen Bestandteil der politischen wie wissenschaftlichen Debatte. Die Erfahrungen der internationalen Gemeinschaft in Ländern wie Somalia, auf dem Balkan, in Afghanistan und dem Irak haben den Blick dafür geschärft, dass Staatszerfall und die Fragmentierung von Gesellschaften Gewaltkonflikte entweder auslösen oder unlösbar werden lassen können. [...] Nation-Building ist aber weder einfach noch problemlos. [...] Und schließlich ist oft nicht klar, was Nation-Building eigentlich bedeuten soll.« - Jochen Hippler: Gewaltkonflikte, Konfliktprävention und Nationenbildung: Hintergründe eines politischen Konzepts, in: Nation-Building: Ein sinnvolles Instrument der Konfliktbearbeitung? Hrsg. v. Jochen Hippler, Bonn 2003.
18 The Fund for Peace, Failed State Index.
in »die Drei« 10/2013; S.32f
a] vgl. Idola theatri
E R G Ä N Z U N G
2 Die wissenschaftliche Wahrheit ist gekennzeichnet durch die Exaktheit und Strenge ihrer Voraussetzungen. Aber diese bewundernswerten Eigenschaften hat die Erfahrungswissenschaft um den Preis erworben, daß sie sich auf einer Ebene sekundärer Probleme behauptet und die letzten, die entscheidenden Fragen unberührt läßt. Aus diesem Verzicht macht sie ihre Haupttugend, und es erübrigt sich, noch einmal zu betonen, daß sie allein um deswillen Beifall verdient. Aber die Erfahrungswissenschaft stellt nur einen schmalen Ausschnitt der Geistestätigkeit des Menschen dar. Wo sie stehenbleibt, bleibt nicht der Mensch stehen. Wenn der Physiker bei der Aufzeichnung von Tatsachen seiner Hand an dem Punkt Einhalt gebietet, wo seine Methode zu Ende ist, so verlängert doch der Mensch, der in jedem Physiker steckt, wohl oder übel die begonnene Linie und führt sie ans Ziel, so wie beim Anblick eines durchbrochenen Bogens unser Blick unwillkürlich das fehlende Stück in der Luft ergänzt.
Aufgabe des Naturwissenschaftlers ist es, jeden ihm begegnenden Tatbestand auf seine Ursache zu prüfen, das heißt, den vorangehenden Tatbestand festzustellen, der jenen verursacht hat. Aber diese Ursache hat wieder einen früheren Grund und so immer fort bis zu einem ersten Ursprung. Der Physiker verzichtet darauf, nach diesem Urgrund der Welt zu forschen und tut sehr wohl daran. Doch ich wiederhole, daß der Mensch, der in jedem Physiker steckt, nicht darauf verzichtet, und daß seine Seele freiwillig oder unfreiwillig dieser ersten rätselhaften Ursache nachspürt. Es ist ganz natürlich, daß es so ist. Leben heißt allemal mit der Welt umgehen, sich ihr zuwenden, in ihr wirken, sich mit ihr abgeben. Darum ist der Mensch, einer psychologischen Zwangsläufigkeit folgend, gar nicht in der Lage, auf den Besitz einer vollständigen Kenntnis der Welt, einer umfassenden Weltidee zu verzichten. Mag sie fein oder grob ausfallen, mögen wir ihr zustimmen oder nicht: im Geist jedes Menschen nimmt dieses über die Wissenschaft hinausreichende Weltantlitz Gestalt an, das über unser Dasein mit größerer Bestimmungskraft gebietet als die wissenschaftliche Wahrheit. Gewaltsam wollte das vergangene Jahrhundert den menschlichen Geist an den Zügel nehmen und dort einhalten lassen, wo die Exaktheit ihr Konto liquidieren muß. Diese Gewaltsamkeit, diese Abwehrhaltung angesichts der letzten Probleme nannte sich „Agnostizismus”. Gerade dies aber ist weder gerechtfertigt noch zu begreifen. Wenn die Erfahrungswissenschaft nicht in der Lage ist, auf ihre Art diese Grundfragen zu lösen, so ist das kein Grund, sie wie der Fuchs die zu hoch hängenden Trauben mit einem Kratzfuß zu beehren, sie als „Mythen” abzutun und uns aufzufordern, sie auf sich beruhen zu lassen. Wie können wir den äußersten, den dramatischen Lebensfragen gegenüber in Taubheit verharren? Wo kommt die Welt her, wo geht sie hin? Welches ist die bestimmende Macht im Kosmos? Was der Grundsinn des Lebens? Wir können nicht [frei] atmen, solange wir auf eine Zone mittelbarer, sekundärer Probleme beschränkt bleiben. [...] Und es ist keine Entschuldigung für diese Unempfindlichkeit gegenüber den letzten Fragen, wenn man erklärt, es hätte sich kein Weg gefunden, sie zu lösen. Nur ein Grund mehr, ihren Stachel und ihre Wunde in der Wurzel unseres Seins zu spüren. Wen hat je das Wissen, daß er nicht essen kann, vom Hunger befreit? [...]
José Ortega y Gasset
in „Der sportliche Urprung des Staates”; 1930
aus «Gesammelte Werke I»; S.428f