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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Georg SOLDNER zur
PLAZENTA
1 Die Schwangerschaft ist eine Zeit, in der wir unsere Leiblichkeit aus- oder einbilden. Dabei sind wir nicht allein, sondern als Ungeborene nehmen wir jede Freude, die Stimme, den Gesang der Mutter ebenso in uns auf wie jede Angst, jeden Stress der Mutter, der ein gewisses Maß übersteigt. Wenn wir ein Ungeborenes anschauen, dann sehen wir einen Leib im Werden. Er schwimmt im Fruchtwasser mit seinen ganz kleinen Gliedmaßen. Wir sehen seine Verbindung zum mütterlichen Leib und die äußeren Hüllen, die das Kind umgeben. Die äußerste Hülle, das Chorion [die Serosa], differenziert sich in ein Organ, das mit der Mutter ganz intim verwächst: die Plazenta [placenta, Mutterkuchen]. Sie ist das wichtigste Organ des Ungeborenen. Von ihr aus beginnt das Kind, seinen Leib aufzubauen, der zu Beginn seiner Entwicklung fast ganz Kopf ist, und entfaltet sein mächtiges Nervensystem. Die Plazenta aber hat kein Nervensystem, keine Knochen, das ganze Blut des Ungeborenen strömt in einer Minute durch sie hindurch - und doch lenkt sie in entscheidender Weise die Aufbauprozesse im Embryo. Ihre überragende Funktion ist die Wärmeregulation des Ungeborenen. Diese ist die wichtigste Regulation des lebendigen überhaupt. Die Wärme des Ungeborenen, das ein halbes Grad wärmer gehalten wird als die Körpertemperatur der Mutter, wird von der Plazenta reguliert. Die Plazenta fungiert wie ein peripheres Herz und ist das ‹periphere Zentralorgan› dieses Ungeborenen wie die Sonne für alles Leben der Erde. Die Plazenta ist sogar ohne Embryo lebensfähig; sie ist unmittelbar mit der Mutter verwachsen. Erst nach der Geburt übernimmt unser Gehirn die eigene Wärmeregulation. Was hat das mit dem Immunsystem zu tun? Wir wissen, dass bei 39 Grad Fieber unser Immunsystem optimal leistungsfähig, dass seine Leistung wärmeabhängig ist. Selbst Tiere, deren Wärme von der Umwelt abhängt, suchen bei Infektionen wärmere Orte und erhöhen dadurch ihre Überlebensaussichten.
2 Die Plazenta ist ein Organ, das das Kind natürlich abschirmt, aber zugleich intensiv mit der Mutter verbindet. Die Plazenta ist ein Grenzorgan des Kindes zur Mutter, sie bildet einen Schutz, durch den das Kind nicht alles mitmacht, was die Mutter erlebt, aber der Schutz kann bei starkem Stress auch überwältigt werden.
3 Im letzten Drittel der Schwangerschaft entwickelt die Plazenta ein Mikrobiom, ein bakterielles Leben. So wird das Kind immunologisch bereits auf das Leben außerhalb der Mutter vorbereitet. Denn das Immunsystem des Menschen reift in der Begegnung mit der mikrobiellen Welt. Noch vor Jahrzehnten stellten sich Medizinerinnen und Mediziner den Körper steril vor. Heute wissen wir, das das nicht so ist. Wir tragen in der Lunge, auf der Haut, im Darm usw. Bakterien. Und seit 2014 ist bekannt, dass auch in der Plazenta eine bakterielle Flora entsteht. Überraschenderweise ähnelt dieses Mikrobiom der Plazenta nicht der Scheidenflora, sondern der Flora der mütterlichen Mundhöhle. Ein guter Zahnstatus und gesunde Ernährung können so indirekt auch die Plazenta beeinflussen.
4 Die Plazenta ist relevant, sowohl in Bezug auf die Entwicklung unseres Immunsystems als auch auf die Persönlichkeitsentwicklung. Aber was ist denn die Persönlichkeit? Was ist das ‹Ich›, von dem wir so gerne reden? Rudolf Steiner sagt dazu: «Das Ich ist etwas Wesenhaftes.» Es geht um ein ‹Wesen›, etwas, das in der Naturwissenschaft gegenwärtig so nicht vorkommt. Außerdem gab Rudolf Steiner den Hinweis: «Das Zentralorgan des Ich in der Schwangerschaft ist die Plazenta.» Die Plazenta ist der Sitz des Ich in der Schwangerschaft, und zwar in einer Vollständigkeit, wie wir sie nach der Geburt nicht mehr haben.
5 Wir sind als Individualität nie leiblich so anwesend wie in dieser Lebensphase, in der wir den ganzen Leib, der später zum Spiegel unserer selbst wird, aufbauen - auch wenn dies eine unbewusste Präsenz ist. Die Plazenta bildet den Ausgangspunkt unserer individuellen Leibesentwicklung und andererseits ein ganz mit dem mütterlichen Organismus verwachsenes ‹Ich-Organ›, das zum Ausgangspunkt unserer Immun- und unserer Persönlichkeitsentwicklung wird. Es ist die Wärme, die zentral ist für alle leibschaffenden Vorgänge. Da, wo die Wärme reguliert, wo Wärmeverhältnisse in unserem Leib gestaltet werden, dort ist unser Ich, leibschaffend anwesend, tätig. Dort, wo wir uns erkälten, dort, wo wir nicht sind, wo wir unseren Organismus nicht mehr spüren, weil er so ausgekühlt ist, kann sich Fremdes einnisten, den Leib entfremden. Rudolf Steiner fand für die individuell leibschaffende Tätigkeit, die Ich-Tätigkeit, ganz am Ende seines Lebens den Begriff ‹Ich-Organisation›. Sie ist gebunden an die leibliche Wärmeregulation. Und ein besonders hoher Ausdruck von ihr ist das Immunsystem. Damit sind wir sehr konkret bei dem, was wir individuelle Persönlichkeit nennen.
6 Doch unsere Wärme-Organisation und noch vieles mehr von unserer leiblichen Organisation ist bei der Geburt noch gar nicht allein lebensfähig. Als Menschen bedürfen wir der Möglichkeit des Einwohnens in einen Menschen, der sich uns verbindet, der Rückhalt und Zuwendung gibt und den ich dadurch auch ein Stück weit verändere. Das Ich kann im Leib zunächst nur anwesend sein durch das Du. Das ist es, was uns die frühkindliche Entwicklung in der Schwangerschaft, aber auch noch nach der Geburt besonders eindrücklich zeigt. Dieses Geheimnis des Ich ist ein Geheimnis von Zentrum und Peripherie. Alles, was in der Plazenta und damit in der Peripherie des Leibes als Funktionen enthalten war, entwickelt sich zu getrennten Organen mit unterschiedlichen Funktionen im Kindesleib. In der Plazenta war alles vereint, ungetrennt, wie in einer Sonne. Im neuen Leib werden es getrennte Organe, entsteht die Erdenreife. Die Plazenta, dieser ‹reine› Sitz des Ich, wird nie die Erde betreten. Zuletzt löst das Kind - unter natürlichen Umständen - durch die Plazenta seine Geburt aus. Diese Initiation der Geburt leitet gleichzeitig das Sterben der Plazenta ein.
in »Das Goetheanum« 3-4·2022; S.13f