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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Niccolò MACHIAVELLI zu
VOLKSMASSE und EINZELNEM
In der Masse ist das Volk mutig, im einzelnen schwach.
Die Masse kritisiert oft mit Kühnheit die Entscheidungen ihrer Machthaber; sowie sie aber die Strafe vor Augen sieht, da traut keiner dem anderen und jeder beeilt sich, zu gehorchen. Man sieht also daraus, daß es nicht hoch anzuschlagen ist, was ein Volk über seine schlechte oder gute Stimmung sagt, vorausgesetzt, daß man in der Lage ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten, wenn es gut gestimmt ist, und Vorkehrungen zu treffen, daß es einem nichts zuleide tun kann, wenn es schlecht gestimmt ist.
Dies gilt für alle Mißstimmungen, die Völker, ganz gleich aus welchen Ursachen, haben können, mit Ausnahme solcher, die auf den Verlust der Freiheit oder eines beliebten noch lebenden Landesherrn zurückzuführen sind. Denn Mißstimmungen des Volkes aus diesen Ursachen sind über alle Maßen furchtbar und können nur mit den schärfsten Mitteln unterdrückt werden. Jede andere Art von Mißstimmung ist belanglos, besonders wenn das Volk keinen Führer hat, zu dem es seine Zuflucht nehmen könnte. Denn es gibt einerseits nichts Schrecklicheres als eine zuchtlose, führerlose Menge, und andererseits aber auch nichts Schwächeres. Mag sie auch bewaffnet sein, so wird sie doch leicht wieder zur Ordnung gebracht, wenn man nur einen Zufluchtsort hat, um dem ersten Ansturm ausweichen zu können. Wenn die Gemüter ein wenig abgekühlt sind und jeder wieder nach Hause zurückkehren muß, so fangen sie an, an sich selbst zu zweifeln und an ihre Sicherheit zu denken, und sie fliehen entweder oder unterwerfen sich.
Eine aufständische Menge, die diesen Gefahren entgehen will, muß daher sogleich aus ihrer Mitte einen Führer ernennen, der sie leitet, sie zusammenhält und auf ihre Sicherheit bedacht ist. Wird dies unterlassen, so wird es immer so kommen, wie Livius sagt, nämlich, daß alle vereint kühn sind, der einzelne aber feige und schwach wird, wenn er die Gefahr, in der er schwebt, zu überlegen beginnt.
Das Volk ist weiser und beständiger als ein Alleinherrscher.
Sowohl Livius als auch alle anderen Geschichtsschreiber behaupten, daß es nichts Eitleres und Unbeständigeres gebe als das Volk.
Dieser Fehler, den die Schriftsteller dem Volk zur Last legen, kann jedem einzelnen Menschen und besonders allen Machthabern zur Last gelegt werden. Jeder, der nicht durch Gesetze in Schach gehalten wird, wird dieselben Fehler begehen wie die entfesselten Volksmassen. Dies ist leicht einzusehen; denn es gibt und gab viele Staatsoberhäupter, aber nur wenig gute und weise: Dabei meine ich die Staatsoberhäupter, die die Macht hatten, den hemmenden Zügel des Gesetzes zu zerreißen. Hierzu gehören nicht die Könige Ägyptens aus grauer Vorzeit, als das Land durch Gesetze regiert wurde, auch nicht die Könige von Sparta, und auch nicht in unserer Zeit [XV./XVI.Jhdt.] die Könige Frankreichs, eines Landes, das mehr durch Gesetze beherrscht wird als irgendeine andere uns heutzutage bekannte Monarchie. Könige, die in Ländern mit solchen Verfassungen herrschen, sind nicht zu denjenigen Machthabern zu rechnen, bei denen man die Natur des einzelnen Menschen beobachten und sehen kann, ob sie der des Volkes ähnelt. Man muß sie vielmehr mit einem Volk vergleichen, dessen Leben gleichfalls durch Gesetze geregelt wird. Man wird bei diesem dieselben guten Eigenschaften finden wie bei den Königen und wird sehen, daß es weder hochmütig herrscht noch sklavisch dient.
aus «Gedanken über Politik ...»; S.74ff