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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
MORALISCHEM und PHYSISCHEM
1 Die große Frage, die uns nun seit Wochen beschäftigt, sie ist ja, wie wir wiederholt versuchten zu erkennen, die Kardinalfrage der menschlichen Weltanschauung zunächst: Wie hängt das Moralische, die moralische Weltordnung zusammen mit der physischen Weltordnung? - Wir haben es oft gesagt: Die gegenwärtige Weltanschauung, die sich für die äußere Sinneswelt auf die Naturwissenschaft stützt, die, wenn es um ein umfassendes Seelisches geht - denn die Psychologie enthält ein solches nicht mehr -, nur zu den älteren religiösen Bekenntnissen Zuflucht nehmen kann, diese Weltanschauung enthält keine Brücke. Da ist auf der einen Seite die physische Welt. Sie ist hervorgegangen nach dieser Weltanschauung aus einem Urnebel. Aus dem hat sich alles herausgeballt; zu einer Art Weltenschlacke wird das alles wieder zurückkehren. Das ist, was uns als äußeres Bild durch die gegenwärtige wissenschaftliche Richtung vorgehalten wird innerhalb dieses ganzen Werdens, das ja schließlich, wenn man ehrlich ist als Wissenschafter der heutigen Zeit, als das allein Reale erscheinen kann. Innerhalb dieses Bildes hat das Moralische, die moralische Weltordnung keinen Platz. Sie steht dann für sich da. Der Mensch empfängt in seiner Seele die moralischen Impulse als Seelenimpulse. Aber wenn das so ist, wie es die Naturwissenschaft sagt, dann ist eben aus dem Urnebel hervorgegangen alles das, was sich regt und lebt, und zuletzt der Mensch, und dem Menschen steigen auf die moralischen Ideale. Und wenn einmal die Welt zurückgekehrt sein soll zum Schlackenzustand, dann wird das der große Friedhof sein auch für alle moralischen Ideale. Sie werden verschwunden sein. Eine Brücke kann gar nicht geschaffen werden, und was noch schlimmer ist, es kann nicht einmal, wenn der Mensch nicht inkonsequent wird, die wirkliche Moralität der Weltenordnung von Seiten der heutigen Wissenschaft zugegeben werden. Nur wenn diese Wissenschaft inkonsequent ist, läßt sie die moralische Weltenordnung gelten. Aber wenn sie konsequent ist, kann sie das eigentlich nicht. Das alles rührt davon her, daß man eben auf der einen Seite im Grunde genommen nur eine Art Anatomie des Festen hat, daß man nicht berücksichtigt, daß der Mensch auch in sich trägt eine Organisation des Flüssigen, eine Organisation des Luftförmigen, ja auch eine Organisation des Wärmehaften. Wenn Sie sich vorstellen, daß, ebenso wie Sie in sich, meinetwillen zu den Knochen, zu den Muskeln, zu den Nervensträngen konfiguriert, die Organisation des Festen haben, Sie auch eine Organisation des Flüssigen, des Luftförmigen haben, allerdings fluktuierend, in sich beweglich, dann wieder eine Wärmeorganisation haben, so werden Sie das schon eher verstehen, was ich nun aus geisteswissenschaftlichen Beobachtungen vorzubringen habe.
2 Stellen wir uns einmal vor, der Mensch wird begeistert von einem hohen moralischen Ideal. Der Mensch kann sich wirklich innerlich seelisch begeistern für ein moralisches Ideal, für das Ideal des Wohlwollens, für das Ideal der Freiheit, das Ideal der Güte, der Liebe und so weiter. Er kann sich begeistern in konkreten Fällen für dasjenige, was durch diese Ideale angedeutet ist. Daß aber das, was da in der Seele als Begeisterung vor sich geht, in die Knochen oder in die Muskeln fährt, so wie Knochen oder Muskeln von der heutigen Physiologie oder heutigen Anatomie betrachtet werden, das kann sich natürlich niemand vorstellen. Aber Sie werden darauf kommen, wenn Sie nur mit sich selbst innerlich ordentlich zu Rate gehen, daß Sie sich sehr wohl vorstellen können - und es ist auch so -, daß, wenn der Mensch begeistert ist für ein hohes moralisches Ideal, dann ein Einfluß ausgeübt wird von dieser inneren Begeisterung auf den Wärmeorganismus. Und dann ist man schon im Physischen drinnen vom Seelischen aus! So daß man sagen kann, wenn wir dieses Beispiel herausgreifen: Moralische Ideale drücken sich aus durch eine Erhöhung der Wärme im Wärmeorganismus. - Der Mensch wird nicht nur seelisch wärmer, der Mensch - wenn das auch nicht so leicht mit irgendeinem physikalischen Instrument nachweisbar ist - wird wirklich durch dasjenige, was er erlebt an moralischen Idealen, innerlich wärmer. Also es wirkt anregend auf den Wärmeorganismus.
3 Das müssen Sie sich nun als einen konkreten Vorgang vorstellen: Begeisterung für ein moralisches Ideal: Belebung des Wärmeorganismus. - Es geht im Wärmeorganismus lebhafter zu, wenn ein moralisches Ideal die Seele durchglüht. Aber es bleibt auch für die übrige Organisation des Menschen nicht ohne Wirkung. Außer dem Wärmeorganismus der gewissermaßen sein höchster physischer Organismus ist, hat ja der Mensch den Luftorganismus. Er atmet die Luft ein, er atmet die Luft aus; aber während des Ein- und Ausatmens ist die Luft in ihm. Sie ist allerdings innerlich in Bewegung, in Fluktuation; aber das ist auch eine Organisation, das ist ein wirklicher Luftorganismus, der in ihm lebt, geradeso wie der Wärmeorganismus. Indem nun durch ein moralisches Ideal die Wärme belebt wird, wirkt sie, weil ja die Wärme im ganzen Organismus, in allen Organismen wirksam ist, wiederum auf den Luftorganismus. Diese Wirkung auf den Luftorganismus ist aber nicht bloß eine erwärmende, sondern wenn die Wärme, welche regsam wird im Wärmeorganismus, auf den menschlichen Luftorganismus wirkt, so teilt sie ihm all dasjenige mit, was ich nicht anders benennen kann als eine Lichtquelle. Gewissermaßen Keime des Leuchtens teilen sich dem Luftorganismus mit, so daß also moralische Ideale, die auf den Wärmeorganismus anregend wirken, im Luftorganismus Lichtquellen auslösen. Diese Lichtquellen werden für das äußere Bewußtsein, für die äußere Wahrnehmung allerdings nicht leuchtend, aber in dem menschlichen astralischen Leib erscheinen diese Lichtquellen. Sie sind zunächst gebunden, wenn ich mich dieses physikalischen Ausdruckes bedienen darf, durch die Luft selber, die der Mensch in sich trägt. Sie sind gewissermaßen noch dunkles Licht, wie ja der Pflanzenkeim auch noch nicht die ausgebildete Pflanze ist. Aber der Mensch trägt dadurch, daß er sich begeistern kann für moralische Ideale oder für moralische Vorgänge, einen Lichtquell in sich.
4 Als weiteren Organismus haben wir in uns den Flüssigkeitsorganismus. Indem die Wärme im Wärmeorganismus wirkt und, vom moralischen Ideal ausgehend, im Luftorganismus dasjenige auslöst, was man eine Lichtquelle nennen kann, die zunächst gebunden bleibt, verborgen bleibt, löst sich im Flüssigkeitsorganismus, weil sich alles in der menschlichen Organisation, wie gesagt, mitteilt, dasjenige aus, wovon ich gestern gesprochen habe, daß es eigentlich dem äußeren Lufttönen zugrunde liegt. Die Luft ist ja nur der Körper des Tones, sagte ich gestern, und wer etwa das Wesen des Tones in den Luftschwingungen sucht und von nichts weiter spricht, der spricht vom Tönen so, wie man vom Menschen spricht, wenn man nur vom äußeren sichtbaren Leibe spricht. Die Luft mit ihren schwingenden Wellen ist nichts anderes als der äußere Körper für den Ton. Im Menschen wird dieser Ton nicht im Luftorganismus ausgelöst, dieser geistige Ton, sondern er wird gerade im Flüssigkeitsorganismus ausgelöst durch das moralische Ideal. Also hier werden die Tonquellen ausgelöst. Und gewissermaßen als den festesten Organismus, als den, der alle übrigen Organismen stützt und trägt, betrachten wir den festen Organismus. Auch in ihm wird etwas ausgelöst, so wie in den anderen Organisationen; nur wird in dem festen Organismus dasjenige ausgelöst, was wir Lebenskeim nennen können, aber ätherischen Lebenskeim, nicht physischen Lebenskeim, wie er sich dann durch die Geburt loslöst von der menschlichen weiblichen Organisation, sondern es wird der ätherische Lebenskeim losgelöst. Das, was da als ätherischer Lebenskeim lebt, es ist ja im tiefsten Unterbewußtsein unten; schon dasjenige, was die Tonquellen sind, ja in gewissem Sinne sogar das, was Lichtquelle ist. Das ist für das gewöhnliche Bewußtsein verborgen, aber es ist im Menschen.
5 Stellen Sie sich alles vor, was Sie im Leben durchlebt haben an Hinwendungen Ihrer Seele an die moralischen Ideen, sei es, daß Sie diese moralischen Impulse sympathisch gefunden haben, indem Sie sie bloß als Ideen erfaßten, sei es, daß Sie sie gesehen haben an anderen, sei es, daß Sie in der Ausführung in einer gewissen Weise innerlich befriedigt sein konnten mit Ihrem eigenen Tun, indem Sie dieses Tun durchglüht sein lassen von den moralischen Idealen, all das geht hinunter in die Luftorganisation als Lichtquelle, in die Flüssigkeitsorganisation als Tonquelle, in die feste Organisation als Lebensquelle. All das löst sich in einer gewissen Weise von dem, was im Menschen bewußt ist, ab. Aber der Mensch trägt es in sich. Es wird frei, wenn der Mensch seine physische Organisation mit dem Tode ablegt. Was so durch unsere moralischen Ideale, was gerade durch die reinsten Ideen in unserer Organisation ausgelöst wird, das wird zunächst nicht fruchtbar. Für das Leben zwischen Geburt und Tod fruchtbar werden eben die moralischen Ideen selber, insofern wir im Ideenleben bleiben und indem wir eine gewisse Genugtuung haben über dasjenige, was wir moralisch vollbracht haben. Das hat aber lediglich mit der Erinnerung zu tun, das hat nichts zu tun mit dem, was hinuntergedrängt wird in die Organisation dadurch, daß wir moralische Ideale sympatisch finden.
6 Wir sehen also hier, wie tatsächlich unsere ganze Organisation, ausgehend von unserem Wärmeorganismus, durchdrungen wird von den moralischen Idealen. Und wenn wir mit dem Tod herauslösen aus unserer physischen Organisation unseren ätherischen Leib, unseren astralischen Leib, unser Ich, dann sind wir in diesen höheren Gliedern der Menschennatur durchdrungen von Eindrücken, die wir gehabt haben. Wir waren mit unserem Ich in unserem Wärmeorganismus, indem die moralischen Ideale belebt haben unsere eigene Wärmeorganisation. Wir waren in unserem Luftorganismus, wo Lichtquellen gepflanzt worden sind, die nun nach unserem Tod in den Kosmos mit uns hinausgehen. Wir haben in unserem Flüssigkeitsorganismus den Ton angeregt, der zur Sphärenmusik wird, mit der wir hinaustönen in den Kosmos. Wir bringen Leben hinaus, indem wir durch die Pforte des Todes gehen.
7 Sie ahnen an dieser Stelle, was das Leben, das ausgegossen ist in der Welt, eigentlich ist. Wo liegen die Quellen des Lebens? Sie liegen in dem, was die moralischen Ideale anregt, die im Menschen begeisternd wirken. Wir kommen darauf, uns sagen zu müssen, daß, wenn wir heute uns durchglüht sein lassen von moralischen Idealen, diese Leben und Ton und Licht hinaustragen und weltenschöpferisch werden. Wir tragen das Weltenschöpferische hinaus, und der Quell des Weltenschöpferischen ist das Moralische.
8 Sie sehen, wir finden eine Brücke, wenn wir den ganzen Menschen betrachten, zwischen den moralischen Idealen und demjenigen, was draußen in der physischen Welt belebend, auch chemisch wirkt. Denn der Ton ist es, der chemisch wirkt, der die Stoffe zusammenbringt und auseinanderanalysiert. Und das Leuchtende in der Welt, es hat seinen Quell in den moralischen Erregungen, in den Wärmeorganismen der Menschen. Wir blicken in die Zukunft hinein, da bilden sich Weltgestalten. Und wie wir bei der Pflanze zurückgehen müssen auf den Keim, so müssen wir bei den zukünftigen Welten, die sich gestalten werden, zurückgehen auf die Keime, die als moralische Ideale in uns selber liegen.
Dornach, 18.Dez.1920 ♄
aus «GA 202»; S.185ff