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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zu
SELBST und LUZIFER
1 [...] Denn sehen Sie, heute handelt es sich vor allen Dingen darum, daß die Menschen die Möglichkeit finden, zu ihrem Selbst zu kommen. Und zum Selbst zu kommen, dazu bedarf es des Vertrauens in die eigene Seelenkraft. Gerade mit dem Appell an dieses Vertrauen in die eigene Seelenkraft kommt man den Menschen heute nicht recht bei. Die Menschen möchten auf der einen Seite sich anlehnen an irgend etwas, was sie von innen heraus zwingt, das Richtige zu denken und zu wollen, und sie möchten auf der anderen Seite sich anlehnen an irgend etwas, was sie von außen her zwingt, das Richtige zu denken und zu wollen.
2 Immer weisen die Menschen irgendwie auf zwei solche Pole hin und niemals möchten sie sich aufraffen, nach dem Gleichgewicht zwischen den von diesen zwei Polen aus wirkenden Kräften zu streben. Führen wir uns noch einmal etwas von der geistigen Signatur der Gegenwart, die aber heute im Begriffe ist soziale und materielle Signatur zu werden, führen wir uns wiederum etwas davon vor Augen! Da hören wir im Osten Europas den alten marxistischen Ruf sich erheben, es müsse eine soziale Ordnung unter den Menschen eintreten, in der jeder Mensch leben könne nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Bedürfnissen; es müsse eine soziale Ordnung entwickelt sein, in welcher die individuellen Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen zur Geltung kommen können, und in welcher befriedigt werden können die berechtigten Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen. So wie das abstrakt ausgesprochen wird, kann nicht das Allergeringste gegen diese Abstraktion eingewendet werden; auf der anderen Seite aber wiederum hören wir eine Persönlichkeit wie Lenin sagen: Mit den Menschen der Gegenwart läßt sich eine solche soziale Ordnung nicht begründen, mit ihnen kann man nur eine Übergangs-Sozial-Ordnung begründen. - Man kann nur begründen irgend etwas, was Ungerechtigkeit im weitesten Sinne selbstverständlich in sich schließt. Sie ist ja auch in lächerlichem Maße in alle dem vorhanden, was Lenin und seine Anhänger begründen; denn er und seine Anhänger meinen, man könne nur durch den Durchgang durch dieses Übergangsstadium eine neue Menschenrasse erzeugen, die jetzt noch nicht da ist; und wenn sie kommt, dann wird man in ihr jene soziale Ordnung einführen können, in der jeder seine Fähigkeiten wird verwenden können, in der jeder nach seinen Bedürfnissen wird leben können. Also die Erfindung einer nicht vorhandenen Menschenrasse, um eine Idee zu verwirklichen, die ja, wie ich gesagt habe, im abstrakten Sinne sogar berechtigt ist.
3 Sollten nicht doch genügend Menschen sich finden können, welche den ganzen Ernst dieser gegenwärtigen Weltsituation erfassen, wenn sie so etwas vernehmen? Sollte es nicht an der Zeit sein, daß aufhöre jene Schläfrigkeit, die sich, wenn so etwas auftritt, was gerade im tiefsten Sinne hinweist auf die Signatur der Gegenwart, sich ein wenig die Augen zumacht, um ja nicht die ganze Bedeutung einer solchen Sache ins Auge zu fassen? Es hilft nichts anderes, um zur konkreten Einsicht über diese Dinge zu kommen, als die Wege der Abstraktion ins geistige Leben hinein zu verlassen. Aber dazu muß man erst wirklich ein Gefühl dafür erhalten, wo Abstraktion vorhanden ist, wo nur geredet wird im Sinne einer Phraseologie vom Geiste und von der Seele, und man muß fühlen, wo vom Geist und von der Seele als von einer Wirklichkeit geredet wird. Sehen Sie, wenn man spricht von den menschlichen Fähigkeiten: sie treten auf als die Offenbarungen aus des Menschen innerer Wesenheit, wenn der Mensch heranwächst. Die Menschheit fühlt sich durch eine Anzahl ihrer Vertreter veranlaßt, diese Fähigkeiten und Kräfte, die in dem werdenden Menschen zutage treten, in entsprechender Weise zu entwickeln. Richtig empfindet man auf diesem Gebiete nur, wenn man in einer gewissen Weise eine Offenbarung des Göttlichen in der Offenbarung dieser Kräfte und Fähigkeiten wahrnimmt, wenn man sich sagt: Der Mensch ist hereingekommen aus einer geistig-seelischen Wesens weit in diese sinnlich-wirkliche Welt, und was sich da als seine Kräfte und Fähigkeiten äußert, was wir selber entwickelt haben in uns und anderen, das rührt aus einer geistigen Welt her, das ist, indem es aus einer geistigen Welt heruntergestiegen ist in diesen physischen Menschenleib, nunmehr in diesen physischen Menschenleib hineingestellt. Aber nehmen Sie den Geist und Sinn dessen, was hier seit Jahrzehnten auseinandergesetzt wird: dieser Geist und Sinn weist Sie darauf hin, daß mit der Einkörperung der menschlichen Fähigkeiten und Kräfte in den physischen Menschenleib den luziferischen Wesenheiten die Möglichkeit gegeben wird, an diese Fähigkeiten und Kräfte heranzukommen.
4 Man kann nicht irgend etwas in Selbsttätigkeit oder in erzieherischer oder in kulturfördernder Tätigkeit in den menschlichen individuellen Fähigkeiten und Kräften tun, ohne daß man mit den luziferischen Kräften in Berührung kommt. In denjenigen Regionen, die der Mensch durchlaufen hat, bevor er durch die Geburt oder Empfängnis ins physische Dasein eingetreten ist, da konnte die luziferische Macht nicht an die menschlichen Fähigkeiten und Kräfte unmittelbar heran. Die Einkörperung in die physische menschliche Leiblichkeit, das ist das Mittel, durch das die luziferischen Mächte an die menschlichen Fähigkeiten und Kräfte herankommen können. Nur dadurch, daß man dieser Tatsache unbefangen ins Auge schaut, kommt man zu einer richtigen Stellung im Leben zu all dem, was als individuelle Fähigkeiten und Kräfte aus der menschlichen Natur hervorquillt. Wenn man das Luziferische nicht sehen will, wenn man es ableugnet, dann verfällt man ihm. Dann aber gerät man gerade in jene Seelenstimmung, welche sich durchaus an etwas Zwingendes im Innern überliefern möchte, um da durch allerlei mystische oder religiöse Kräfte sich zu entlasten von der Notwendigkeit, an das freie Selbst des Menschen zu appellieren und in der Entfaltung des eigenen freien Selbstes in der Welt das Göttliche zu suchen. Die Menschen möchten nicht selber denken, sie möchten, daß eine unbestimmte Kraft in ihrem Innern sich äußere, nach der sie logisch beweisen können. Sie möchten die Wahrheit nicht erleben, sie möchten sich nicht aufraffen zu jenem inneren freien [evidenten] Erleben, das auch die Wahrheit erlebt; sie möchten jenen inneren Zwang erleben, der von innen heraus sie zwingt und sich ausdrückt in dem Beweise, der nicht an das Erlebnis appelliert, sondern an die Macht eines Geistigen, das den Menschen überwältigen, zwingen soll, so oder so zu denken über die Natur und über den Menschen selber. Damit aber, daß die Menschen an diesen inneren Zwang appellieren, an diese innere Macht, damit liefern sich die Menschen den luziferischen Mächten aus. [...]
Stuttgart, 1.Jän.1920 ♃
aus «GA 195»; S.74ff