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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
AUSTAUSCH mit ENTKÖRPERTEN
1 Ich will ganz im Konkreten sprechen: Wenn Sie hier in der Sinneswelt von Mensch zu Mensch reden, so reden Sie, der andere antwortet Ihnen. Sie wissen, Sie erzeugen Ihre Worte durch Ihr Stimmorgan; die Worte kommen aus Ihren Gedanken heraus. Sie fühlen, Sie sind der Schöpfer Ihrer Worte. Sie wissen, Sie hören sich, während Sie sprechen, und während der andere antwortet, hören Sie den andern, und Sie wissen dann: Sie sind still, den andern hören Sie jetzt. Sehen Sie, man gewöhnt sich tief ein in ein solches Verhältnis dadurch, daß man sich nur bewußt ist, in der physischen Welt mit andern Wesen zu verkehren. Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist aber nicht so. So merkwürdig es klingt: Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist genau umgekehrt. Wenn Sie selber Ihre Gedanken dem Entkörperten mitteilen, so sprechen nicht Sie, sondern es spricht er. Es ist genau so, wie wenn Sie mit jemandem sprechen würden, und das, was Sie denken, was Sie mitteilen wollen, sprechen nicht Sie aus, sondern das spricht der andere aus. Und was der sogenannte Tote Ihnen antwortet, kommt Ihnen nicht zu von außen, sondern das steigt von Ihrem Inneren auf, das erleben Sie als Innenleben. Daran muß sich das hellsichtige Bewußtsein erst gewöhnen, muß sich erst ge wöhnen, daß man selber in dem andern der Fragende ist, und daß der andere in einem der Antwortende ist. Diese vollständige Umstülpung des Wesens ist notwendig.
2 Wer bekannt ist mit solchen Dingen, der weiß, daß solche Umstülpung des Wesens nicht leicht ist. Denn sie widerspricht allem, was der Mensch gewohnt ist; denn die Gewohnheiten bilden sich im Laufe des Lebens aus; aber nicht nur das, sie widerspricht sogar allem, was dem Menschen angeboren ist. Denn zu glauben, daß man selber spricht, wenn man fragt, und daß der andere still ist, wenn man antwortet, das ist doch dem Menschen angeboren. Und dennoch ist das eben Gesagte der Fall im Verkehr mit den übersinnlichen Wesen. Diese Umstülpung des Wesens, die das hellsichtige Bewußtsein erfährt, wird Sie aber darauf aufmerksam machen können, daß ein gut Teil von der Nichtwahrnehmbarkeit der Toten darauf beruht, daß sie eben mit den Lebenden in einer Weise verkehren, wie es den Lebenden nicht nur ungewohnt, sondern ganz unmöglich erscheint. Die Lebenden hören einfach nicht, was ihnen die Toten sagen aus der Tiefe ihres Wesens heraus; und die Lebenden achten nicht darauf, wenn ein anderer dasselbe sagt, was sie selbst denken, was sie selbst fragen wollen.
3 Nun liegt aber die Sache so, daß von zwei für den gegenwärtigen Menschen vorüberhuschenden Bewußtseins-Mittelzuständen - vom Aufwachen und Einschlafen - immer nur der eine geeignet ist für das Fragen und der andere nur für das Antworten. Das Eigentümliche ist, daß, wenn wir einschlafen, dieser Moment des Einschlafens besonders günstig ist für das Fragenstellen an den Toten, das heißt, für das Hören der Fragen, die wir an den Toten stellen, von ihm aus. Wenn wir einschlafen, sind wir besonders dafür disponiert, aus dem Toten herauszuhören, was wir fragen wollen. Nun schlafen wir aber im gewöhnlichen Bewußtsein gleich hinterher ein, und die Folge ist, daß wir tatsächlich Hunderte von Fragen an die Toten stellen, von Hunderten von Dingen zu den Toten im Einschlafen reden, daß wir aber nichts davon wissen, weil wir hinterher einschlafen. Dieser vorübergehende Moment des Einschlafens ist ein Moment von ungeheurer Bedeutung für unseren Verkehr mit den Toten. Und wiederum der Moment des Aufwachens: Er disponiert uns ganz besonders dazu, die Antworten der Toten zu vernehmen. Würden wir nicht sogleich in das sinnliche Wahrnehmen übergehen, sondern würden wir beim Momente des Aufwachens verweilen können, so würden wir in diesem Momente sehr geeignet sein, Botschaften von den Toten entgegenzunehmen. Nur würden diese Botschaften uns so erscheinen, als wenn sie aus unserem eigenen Inneren aufsteigen.
4 Sie sehen, zwei Gründe gibt es für das eine und für das andere, warum das gewöhnliche Bewußtsein nicht auf den Verkehr mit den Toten achtet. Der eine liegt darin, daß wir sogleich an das Aufwachen und an das Einschlafen einen Zustand anschließen, der geeignet ist auszulöschen, was wir in diesen Momenten erleben; der andere ist, daß die Dinge uns, sagen wir, ungewohnt oder eigentlich unmöglich vorkommen. Wenn wir einschlafen: Die hundert Fragen, die wir an die Toten richten können und auch wirklich richten, sie gehen im Schlafleben unter aus dem Grunde, weil wir ganz ungewohnt sind, das, was wir fragen, zu hören und nicht zu sagen. Und das wiederum, was uns der Tote beim Aufwachen sagt, beurteilen wir nicht so, als ob es von dem Toten käme, weil wir es nicht erkennen, wir halten es für etwas, was aus uns selbst aufsteigt. Das ist der zweite Grund, warum sich der Mensch nicht hineinfindet in den Verkehr mit den Toten.
5 Diese allgemeinen Erscheinungen werden allerdings doch zuweilen durchbrochen, und zwar in der folgenden Weise. Was der Mensch im Einschlafen erlebt als das Von-sich-aus-Fragenstellen an die Toten, setzt sich in einer gewissen Weise durch den Schlafzustand hindurch fort. Wir blicken, indem wir weiterschlafen, unbewußt zurück zu dem Moment des Einschlafens, und durch diese Tatsache können sich Träume einstellen. Solche Träume können tatsächlich Wiedergaben sein der Fragen, die wir an die Toten stellen. Das ist schon einmal so, daß wir in den Träumen viel mehr, als wir meinen, uns den Toten nähern, zu den Toten hinsprechen, wenn auch das, was im Traume erlebt wird, unmittelbar schon beim Einschlafen gesprochen war. Aber der Traum holt es herauf aus den undifferenzierten Tiefen der Seele. Doch der Mensch mißdeutet es leicht; er nimmt die Träume, wenn er sich dann später an sie als Träume erinnert, meistens nicht als das, was sie sind. Träume sind eigentlich immer ein aus unserem Gefühlsleben hervorgehendes Zusammenleben mit den Toten. Wir haben uns zu ihnen hinbewegt, und der Traum gibt uns eigentlich oft Fragen, die wir an Tote gestellt haben. Er gibt uns schon unser subjektives Erlebnis, aber so, als wenn es von außen kommen würde. Der Tote spricht zu uns, aber wir sprechen es eigentlich selber. Es scheint nur so, als wenn der Tote spricht. Es sind in der Regel nicht Botschaften, die von den Toten kommen, was uns in den Träumen entgegentritt, sondern der Traum, den wir von den Toten haben, ist der Ausdruck des Bedürfnisses dafür, daß wir mit den Toten zusammen sind, daß es uns gelungen ist, mit den Toten im Momente des Einschlafens zusammenzukommen.
Berlin, 5.Feb.1918 ♂ (aus «GA 181/I»; S.54ff)
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit118110054.htm