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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
MITTELEUROPA und SLAWENTUM
1 Gewiß strahlen diese Impulse von Mitteleuropa aus und machen sich an andern Stellen in vieler Beziehung geltend. Aber wer genauer zusieht, wird zu jenen Impulsen, die ich jetzt geschildert habe, die Gegenpole doch in Mitteleuropa finden. Denn denken Sie einmal, wie in Mitteleuropa zuerst die Opposition gegen das Kultisch-Theokratische des spanisch-italienischen Südens aufgetreten ist, und wie diese Opposition in Luther einen gewissen Höhepunkt erlangt hat, ihre größte Tiefe aber in der mitteleuropäischen Mystik. Da ist richtig zusammengeflossen das, was nicht etwa bloß deutsch oder bloß germanisch ist, sondern dort wirkt Slawisches mit Mitteleuropäischem ineinander. Hier wollte man das Christentum nicht nach päpstlich hierarchischem Impuls nehmen, sondern das Innerliche, das im Süden gerade ausgehöhlt worden war, wirksam werden lassen. Savonarola ist ja einfach hingerichtet worden. Diese Innerlichkeit lebte in dem Tschechen Johannes Hus, wie in dem aus dem germanischen Engländertum entsprossenen Wiclif, wie in Zwingli, wie in Luther. Sie hat aber ihr tieferes Element in der mitteleuropäischen Mystik, der übrigens das slawische Element durchaus nahesteht. Und gerade an diesen Verhältnissen können Sie sehen, wie sich in einer merkwürdigen Weise die Dinge erfüllen. Denn da ist Mitteleuropa mit dem nachdringenden Slawentum in einer gewissen Weise durchaus schon der Opponent gegen die Peripherie, und es wirkt, wenn auch politisch noch vielfach miteinander uneinig, das Slawentum, das östliche, mit dem Mitteleuropäischen zusammen. Und auch in okkulter Beziehung wirkt das im Grunde genommen in einer wunderbaren Weise zusammen.
2 Wir sehen, wie sich im Süden immer mehr und mehr ein gewisses materialistisches Element heraufentwickelt, das dann seinen Höhepunkt in solchen Leuten wie Lombroso erfahren hat. Wir sehen dieses materialistische Element auch sonst in der Peripherie gerade als ein Tonangebendes. Bis herauf zu Oliver Lodge, den wir in der letzten Zeit besprochen haben, haben wir in den Spiritualismus das Materialistische hereinragend. Aber wir sehen auf der andern Seite, wie dem entgegengesetzt wird dasjenige, was sich emanzipiert, und zwar zunächst von dem Romanisch-Hierarchischen. Da steht hinter dem urdeutschen Kepler der Pole Kopernikus; da stehen insbesondere slawische Geister
hinter denjenigen, die germanische Geister sind. Und ich möchte sagen: Wir sehen über den physischen Plan hin zu dem Mitteleuropäisch-Slawischen eine Verbindung: Hus, der Tscheche, Kopernikus, der Pole und andere - es könnten ebensogut andere erwähnt werden - bilden über den physischen Plan hinüber eine Verbindung. Da sehen Sie aber auch, wie zusammenwächst in Mitteleuropa das slawische Element mit dem germanischen Elemente, da sehen Sie das osteuropäische slawische Element in seinem Zusammenwachsen mit Europa. Das sieht man allerdings nur, wenn man die okkulten Verhältnisse betrachtet.
3 Um nur einen Fall anzuführen: Des Galilei-Seele lebt wiederum auf in dem Russen Lomonossow, und der Russe Lomonossow ist in vieler Beziehung ein Begründer slawischer Kultur im Osten. Da liegt dazwischen die geistige Welt, so daß man sagen könnte: Die mitteleuropäischen Slawen sind noch auf dem physischen Plane mit den Menschen des Westens verbunden. Dasjenige, was dahinterliegt, ist mit den Menschen des Westens verbunden über die höheren Plane hinüber.
4 Das entspricht ganz der Tatsache, daß das russische Element nachfolgt in bezug auf das slawische, es entspricht aber auch dem Umstande, daß das westliche Slawentum in andern Verhältnissen zu Westeuropa zu denken ist als das östliche Slawentum. Und nur wenn man nicht denkt im Sinne der Fortentwickelung der Gesamtmenschheit, sondern im Sinne des englisch sprechenden Imperiums, wird man die Polen dem russischen Reiche einverleiben wollen.
5 Gerade an diesem Punkte sehen Sie den Unterschied zwischen dem Denken, das nur für eine Gruppe von Menschen denkt, und dem Denken, das zum Heile der Gesamtmenschheit denkt. Niemals könnte das Denken, das zum Heile der Gesamtmenschheit denkt, das Gebiet der Polen in das russische Reich einreihen. Denn in einer merkwürdigen Weise gliedern sich gerade die Westslawen mit ihren tiefsten Anlagen dem Mitteleuropäischen ein. Ich kann heute nicht sprechen von dem wechselvollen Schicksale des polnischen Volkes, ich will nur sagen, daß die geistige Kultur des polnischen Volkes einen ihrer Gipfel hat im polnischen Messianismus, der - jeder mag über die Realität denken, wie er will - Ideen enthält, welche im geistigen Fühlen, geistigen Vorstellen wurzeln und darauf gehen, aus der polnischen Volkssubstanz heraus der Menschheit eben das zu geben, was den Inhalt des polnischen Messianismus ausmacht. Da haben wir gewissermaßen das gnostische Element,
das ja dem einen der drei Seelenglieder entspricht, die aus den Westslawen nach Mitteleuropa hereinfließen sollen.
6 Das zweite Element haben wir im Tschechentum, das nicht umsonst seinen Johannes Hus von Hussinetz hat; da haben wir das zweite aus dem Slawentum nach Mitteleuropa hereingeschobene Glied der Seele. Und das dritte Glied liegt im Südslawischen. Diese drei Seelenglieder schieben sich wie drei Kulturhalbinseln vor, und sie gehören durchaus nicht dem osteuropäischen Slawentum an. Und gerade um gewissermaßen einen Rahmen zu haben, in dem die Westslawen gemäß ihren eigenen Bestrebungen ihre Entfaltung finden können, ist, äußerlich auf dem physischen Plane betrachtet durch Zusammenheiraten, innerlich aber durch dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, dieses Österreich entstanden, das deutsche und westslawische Völkerschaften zu amalgamieren hat. Nicht nach einem Herrschaftsprinzip! Wer Österreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekannt hat, wird es geradezu lächerlich finden, was mit Bezug auf Österreich und ein gewisses Herrschaftsprinzip in der jetzigen Note an Wilson gesagt ist. Selbstverständlich sind die Verhältnisse schwierig; aber daß nach einer Möglichkeit gesucht worden ist, jede slawische Individualität, überhaupt jede Volksindividualität sich in Österreich wirklich frei entfalten zu lassen, das weiß jeder, der die österreichische Geschichte des 19. Jahrhunderts kennt. Aber was steht nicht alles in dieser Note. Man brauchte nur ein Elementarbuch der Geschichte in die Hand zu nehmen, um zu sehen, daß die Länder, die Italien jetzt von Österreich verlangt, niemals unter italienischer Herrschaft waren. Und doch steht in dieser Note: Die Italiener verlangen Gebiete, die ihnen einmal gehört haben. - Auf die Wahrheit kommt es ja in dieser Note überhaupt nicht an, sondern darauf, zu sagen, was man eben sagen will, wobei man darauf rechnet, daß durch die magische Gewalt des modernen Journalismus die Menschen schon dahin gebracht worden sind, alles zu glauben. Man verrechnet sich ja auch damit nicht immer. Aber das gehört gerade zu den magischen Mitteln gewisser Gesellschaften, auch mit der Kraft des Journalismus in entsprechender Weise zu rechnen. Gerade weil Österreich sich sozusagen unter der Oberfläche der äußeren Geschichte vorbereitete zu der Mission, von der ich gesprochen habe, war es immer ein Widerpart, ein Gegenpol gegen alles Freimaurerische, das gerade im Westen jene Ausgestaltung gefunden hat, die ich in den letzten Wochen charakterisiert habe. Nach Österreich durfte das Freimaurertum niemals hinein. Es beginnt erst einigermaßen so, wie es sonst in Mitteleuropa lebt - aber es ist eben so, wie ich es auch schon charakterisiert habe -, jenseits der Leitha; da ist es etwas vorhanden.
Dornach, 15.Jän.1917 ☽
aus «GA 174»; S.167ff