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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
IRAN und TURAN
1 Anders war es bei den nördlichen Völkern, welche in der Geschichte dann die Arier im engeren Sinne genannt werden: bei den Persern, Medern, Bakterern und so weiter. Da war auch stark der Sinn entwickelt für äußere Anschauung, für den äußeren Intellekt. Aber es war der innere Drang, der Impuls, dasselbe durch innere Entwickelung, durch eine Art von Joga erreichen zu wollen, was der atlantische Mensch auf naturgemäße Weise hatte, nicht besonders stark vorhanden. Es war die lebendige Erinnerung bei den nördlichen Völkern nicht so vorhanden, daß sie sie umsetzten in ein Streben, die Illusion der äußeren Welt in der Erkenntnis zu überwinden. Die Seelenverfassung der Inder war nicht bei diesen nördlichen Völkern vorhanden. Bei ihnen war eine Seelenverfassung vorhanden, in der ein jeder bei dem iranischen, persischen oder medischen Volke so etwas fühlte, was, wenn wir es mit unseren heutigen Worten aussprechen wollten, sich in folgender Weise ausnehmen würde: Wenn wir als Menschen einstmals in der spirituellen Welt darinnen waren und Geistiges, Seelisches erlebt und gesehen haben, und jetzt in die physische Welt hinausversetzt sind und vor einer Welt stehen, die wir mit unseren Augen sehen, mit dem Intellekt begreifen, welcher an das Gehirn gebunden ist, dann liegt der Grund dazu nicht bloß im Menschen, und man kann das, was da zu überwinden ist, nicht bloß im Inneren des Menschen überwinden, es ist nichts Besonderes dadurch getan! - Es hätte der Iranier gesagt: Es muß nicht nur mit dem Menschen eine Veränderung vorgegangen sein, es muß sich die Natur und alles, was auf der Erde ist, verändert haben, wenn der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann es nicht genügen, daß wir Menschen dasjenige, was um uns herum ist, lassen wie es ist, und einfach sagen: Es ist alles Illusion, Maja, und wir selber steigen hinauf in die geistige Welt! Dann ändern wir zwar uns, aber nicht das, was sich in der ganzen umliegenden Welt geändert hat. - Daher sagte er nicht: Draußen breitet sich die Maja aus, ich selbst werde diese Maja überschreiten, in mir selbst die Überwindung der Maja und damit die spirituelle Welt erreichen! - Nein, er sagte: Der Mensch gehört mit der übrigen umliegenden Welt zusammen, er ist nur ein Glied davon. Wenn also das, was göttlich im Menschen ist, und was aus göttlich-geistigen Höhen heruntergestiegen ist, umgewandelt werden soll, so darf nicht bloß das zurückverwandelt werden, was im Menschen ist, sondern es muß auch dasjenige zurückverwandelt werden, was in unserer Umgebung ist. - Das gab diesen Völkern besonders den Impuls, tatkräftig einzugreifen in die Umgestaltung und Umschaffung der Welt.
2 Während man in Indien sagte: Die Welt ist heruntergestiegen; was sie jetzt bietet, ist Maja -, sagte man nördlich davon: Gewiß, die Welt ist heruntergeschritten; aber wir müssen sie so verändern, daß wieder ein Geistiges aus ihr wird! - Sinnen, Erkenntnis-Sinnen war der Grundcharakter des indischen Volkes. Mit der Welt wurde dieses Volk dadurch fertig, daß es die Sinnes Wahrnehmung Illusion oder Maja nannte. Tatkraft, äußere Energie, Wille zum Umarbeiten dessen, was in der äußeren Natur ist, das war der Grundcharakter des iranischen Volkes und der übrigen nördlichen Völker. Sie sagten: Was um uns herum ist, das ist aus Göttlichem heruntergestiegen; aber der Mensch ist dazu berufen, es zum Göttlichen wieder zurückzuführen! - Was im Grunde genommen schon im Volkscharakter lag bei den Iraniern, das wurde auf ein Höchstes gehoben und mit der größten Energie durchsetzt bei den geistigen Führern, die aus den Mysterien hervorgingen.
3 Vollständig verstehen, auch äußerlich, kann man das, was ostwärts und südwärts vom Kaspisee sich abspielte, nur dann, wenn man es vergleicht mit dem, was mehr nördlich davon vorging, also in Gegenden, die an das heutige Sibirien, an das heutige Rußland angrenzen, sogar bis nach Europa hinein sich erstrecken. Da waren Menschen, welche sich in hohem Grade das alte Hellsehen bewahrt hatten, und bei denen sich in gewisser Beziehung die Waage hielten die Möglichkeit des alten geistigen Wahrnehmens und die des sinnlichen Anschauens, des neuen Verstandesdenkens. Bei ihnen war in weitesten Kreisen noch ein Hineinschauen in die geistige Welt vorhanden. Wenn man den Charakter dieses Hineinschauens in die geistige Welt, das allerdings schon auf eine niedere Stufe heruntergestiegen war und bei diesen Völkerschaften im wesentlichen - wie wir heute sagen würden - ein niederes astralisches Hellsehen war, in Betracht zieht, so ergibt sich für die Gesamtentwickelung der Menschheit eine bestimmte Folge daraus. Wer mit dieser Art von Hellsehen begabt ist, wird ein ganz bestimmter Mensch. Der Mensch erhält da eine gewisse Charakteranlage. Das zeigt sich besonders bei diesen Völkermassen, die im Volkscharakter dieses niedere Hellsehen hatten. Ein solcher Mensch hat im wesentlichen den Drang, von der Naturumgebung zu fordern, was er zu seinem Lebensunterhalt braucht, und möglichst wenig zu tun, um es der Natur zu entreißen. Schließlich weiß er ja, so wahr wie der heutige Sinnenmensch weiß, daß es Pflanzen, Tiere und so weiter gibt, daß es göttlich-geistige Wesenheiten gibt, die in alledem darinnenstecken; denn er sieht sie. Er weiß auch, daß sie die mächtigen Wesen sind, die hinter den physischen Wesenheiten stehen. Aber er kennt sie auch so genau, daß er von ihnen fordert, sie sollen ihm ohne viel Arbeit das Dasein fristen, in das sie ihn hineingestellt haben. Man könnte vieles anführen, was äußerlicher Ausdruck ist für die Stimmung und Gesinnung dieser astralisch hellsehenden Menschen. Nur eines soll jetzt dafür angeführt werden.
4 In dieser Zeit, die jetzt für uns zu betrachten wichtig ist, waren alle diese Völkerschaften, die mit einem in der Dekadenz begriffenen Hellsehen begabt waren, Nomadenvölker, die, ohne seßhaft zu sein, ohne feste Wohnsitze zu gründen, als Hirten herumstreiften, keinen Fleck besonders lieb hatten, auch das, was die Erde ihnen bot, nicht besonders pflegten, und auch gern bereit waren zu zerstören, was um sie herum war, wenn sie etwas brauchten zu ihrem Lebensunterhalt. Aber etwas zu leisten, um das Kulturniveau zu erhöhen, um die Erde umzugestalten, dazu waren diese Völker nicht aufgelegt.
5 So entstand der große, der wichtige Gegensatz, der vielleicht zu dem Allerwichtigsten der nachatlantischen Entwickelung gehört: der Gegensatz zwischen diesen mehr nördlichen Völkern und den iranischen Völkern. Bei den Iraniern entwickelte sich die Sehnsucht, einzugreifen in das Geschehen rings um sie herum, seßhaft zu werden, was man als Mensch und als Menschheit hat, durch Arbeit sich zu erringen, das heißt also wirklich durch die menschlichen Geisteskräfte die Natur umzugestalten. Das war gerade in diesem Winkel der größte Drang der Menschen. Und unmittelbar daran stieß nach Norden jenes Volk, das hineinschaute in die geistige Welt, das sozusagen auf «du und du» war mit den geistigen Wesenheiten, das aber nicht gern arbeitete, das nicht seßhaft war und gar kein Interesse daran hatte, die Kulturarbeit in der physischen Welt vorwärts zu bringen.
6 Das ist der größte Gegensatz vielleicht, der sich äußerlich in der Geschichte der nachatlantischen Zeiten gebildet hat, und der rein eine Folge ist der verschiedenen Arten der Seelenentwickelung. Es ist der Gegensatz, den man in der äußeren Geschichte auch kennt: der große Gegensatz zwischen Iran und Turan. Aber man kennt nicht die Ursachen. Hier haben wir jetzt die Gründe.
7 Im Norden, nach Sibirien hinein: Turan, jenes Völkergemenge, das in hohem Grade mit den Erbstücken eines niederen astralischen Hellsehens begabt war, das infolge dieses Lebens in der geistigen Welt keine Neigung und keinen Sinn hatte, eine äußere Kultur zu begründen, sondern - weil diese Menschen mehr passiver Art waren und sogar zu ihren Priestern vielfach niedere Magier und Zauberer hatten - sich namentlich da, wo es auf das Geistige ankam, mit niederer Zauberei, ja zum Teil sogar mit schwarzer Magie beschäftigte. Im Süden davon: Iran, jene Gegenden, in denen frühzeitig der Drang entstand, mit den primitivsten Mitteln dasjenige, was in der Sinnes weit uns gegeben ist, durch menschliche Geisteskraft umzugestalten, so daß auf diese Weise äußere Kulturen entstehen können.
Bern, 1.Sep.1910 ♃
aus «GA 123»; S.23ff