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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst UEHLI zu
JAHR 1250 und EISZEIT
1 In astronomischer Hinsicht [a] ist das Jahr 1250 die Mitte einer vergangenen und einer zukünftigen Eiszeit der Erde. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts hatte die kleine Erdachse eine Stellung, die derjenigen der letzten Eiszeit in astronomischer Beziehung genau entgegengesetzt war. Seit 1250 strebt die Erdachse jener Eiszeitkonstellation wieder zu. Das ist ein erwiesener astronomischer Tatbestand (siehe «Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst» des Verfassers). Der besonderen Stellung der Erdachse um die Mitte des 13. Jahrhunderts entspricht nun zugleich ein Wendepunkt im Geistesleben des Abendlandes, auf dessen Gebiet sich die Eiszeit und ihre Wirkungen vornehmlich abgespielt haben.
2 Diesen Wendepunkt hat Rudolf Steiner von verschiedenen Gesichtspunkten aus charakterisiert und damit eines der bedeutsamsten, auch astronomisch verankerten Geschichtsphänomene der neueren Zeit aufgedeckt. Zur Zeit, als auf der nördlichen Hemisphäre der Erde Eiszeit war mit dieser besonderen Stellung der Erdachse, fanden die allerstärksten Eingriffe der kosmischen Umwelt auf die Erde statt auf dem Wege gewaltiger Naturkatastrophen. Tief eingreifende Veränderungen des Antlitzes der Erde brachte diese Katastrophe mit sich, und weite Gebiete zum Beispiel von Europa, die damals noch unter Wasser lagen, wurden gehoben, während andere Gebiete versanken. Riesige Materialtransporte aus Vergletscherungszentren fanden statt, die an andern Orten abgelagert wurden, und erst nach der Eiszeit erhielt Europa in geographischer Hinsicht seine gegenwärtige Gestalt als physische Grundlage seiner Kulturentwicklung. Physisch fand also damals die allerstärkste Einwirkung auf die Erde statt, indessen auf den Geist der Menschen nur eine geringe Einwirkung vorhanden war, weil unter den gegebenen Naturverhältnissen Kultur nur in geringem Grade sich entwickeln konnte.
3 Nun gibt es einen Zeitpunkt in der Geschichte Europas in welchem genau das Gegenteil stattfand: nur geringer Einfluß auf die Gestaltung der Erde vom Kosmos her, eine beruhigte, wenig sich verändernde Erde, aber eine gewaltige Bewegung und Veränderung im menschlichen Geistesleben. Das ist der Fall im 12.-13. Jahrhundert im Geistesleben des Abendlandes mit dem astronomischen Schnittpunkt um die Mitte des 13. Jahrhunderts und einer entgegengesetzten Achsenlage unserer Erde, die einem umfassenden kosmischen Rhythmus angehört. Der astronomische Zeitpunkt bezeichnet selbstverständlich nur ein exaktes Datum eines Geschehens, das sich in einem zeitlichen Vorher und Nachher vollzieht.
4 Die universellen Gesetzmäßigkeiten, welche auch in der Geschichte wirksam sind, urständen im Leben des Kosmos, und es ist irrig, diese nur aus irdischen Verhältnissen allein begreifen zu wollen. Sternenordnungen und Menschenordnungen, kosmischer Rhythmus und Kulturperioden gehen Hand in Hand.
5 Im 13. Jahrhundert wiederholte sich auf einer andern Stufe im abendländischen Geistesleben, was sich in naturhafter Weise während der letzten Eiszeit abgespielt hatte. Es trat eine Klimasenkung im menschlichen Seelenleben ein. Bis in das 13. Jahrhundert hinein war die Wesensart des abendländischen Geisteslebens so, daß es seine Nahrung aus den lebendig fließenden Quellgebieten der Überlieferung bezog. Man vertiefte sich in die Mysterien des Christentums anhand der Schriften des Dionysius des Areopagiten, man studierte die Schriften des Plato und des Aristoteles. Einer älteren Seelenverfassung gemäß, welche bis in dieses Jahrhundert nachwirkte, fand man die Urheimat der Seele im Untertauchen in die Welt früherer Geistesoffenbarungen, in Überlieferungen. Das begann im 13. Jahrhundert anders zu werden. Es trat eine Verfinsterung dieser überlieferten Geistesoffenbarung ein, sie verlor ihre wirkende Kraft auf die menschliche Seele, begann abzudunkeln und zu erstarren. Man gelangte entwicklungsgemäß zu einem innerlichen Kältepol des menschlichen Bewußtseins gegenüber der Kraft und Wärme, mit welcher man bis dahin zu den alten Geistoffenbarungen stand. Hatten zur Eiszeit die Naturgewalten durch ausgedehnte Katastrophen zu rumoren begonnen, so setzte jetzt um das 12. Jahrhundert ein gewaltiges Wühlen und Rumoren im abendländischen Geistesleben ein, das in der mächtigen Bewegung der Hochscholastik zum Ausdruck kam. Wie sich durch die Vorgänge der Eiszeit das Antlitz des davon betroffenen Erdgebietes veränderte, so begann sich mit dem 13. Jahrhundert das Antlitz des abendländischen Geisteslebens gründlich zu verändern.
6 Mit dem Erlöschen der Wirkenskräfte überlieferter Geistesoffenbarungen, dem Erlöschen früherer Mysterienströmungen, begann eine andere Eigenschaft der menschlichen Seele ihre Herrschaft und Führung zu entwickeln. Es trat an die Stelle der bisherigen Geistüberlieferung die menschliche Vernunft [ratio humana]. Jetzt fing man an, die Grenze zu ziehen zwischen dem, was man glauben mußte auf Grund der überlieferten Geistesoffenbarung und dem, was man selbst erkennen konnte. Man war entwicklungsgemäß auf die eigenen Erkenntnisse zurückgewiesen, die zur vernunftmäßigen Vertretung und Beweiskraft gebracht werden mußten. Die Entwicklung trieb zu einer individuell werdenden Erkenntnisart. Zugleich mit der eingetretenen Trübung gegenüber den alten Geisteswelten trat ein Aufwachen gegenüber der äußeren physischen Welt, gegenüber der Naturwelt auf. Es begannen die alten umfassenden Wahrheiten zurückzutreten und Platz zu machen den speziellen Tatsachen der Sinneswelt. Nicht nur im Gebiet des Denkens und Erkennens trat diese Wendung ein, sondern ganz allgemein, zum Beispiel auch in der Kunst [Renaissance], in der Dichtung [zB. «La divina commedia»]; und was im 13. Jahrhundert begann, erreichte im 14. und 15. Jahrhundert bereits den Charakter eines neuen Zeitalters und Weltbildes. Im 11. Jahrhundert setzte die Städtegründung ein, das Bürgertum entstand, die Klerikerdichtung wurde abgelöst von der Laiendichtung [ähnlich der Musik]. Das waren Vorboten völlig neuen Geschehens und einer beginnenden Verwandlung, durch welche die bisherige universelle Gebundenheit in individuelle Lebensformen sich zu gliedern anschickte.
aus «Die drei großen Staufer»; S.90ff
a] siehe Präzession