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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst UEHLI zu
SAGE und GESCHICHTE
1 Der Ursprung des geschichtlichen Geschehens liegt in der menschlichen Individualität, wie sie sich im Leben zwischen Geburt und Tod wollend, handelnd, schicksalschaffend und selbstbestimmend darstellt. Allein die geschichtlichen Biographien erfüllen ihren Zweck doch nur, wenn sich in ihnen dasjenige offenbart, was größer und umfassender ist als die dargestellte Individualität, wenn sich in ihnen und durch sie das Volkstum, dem die Individualität angehört, offenbart und über dieses hinaus die Zeit und die werdenden Weltideen sich zur Geltung bingen.
2 Die biographische Strömung hat dem Bedürfnis nach intuitiver Geschichtsdarstellung ohne Zweifel große Dienste geleistet; sie ist aber auch der Gefahr verfallen, dem Götzen der Zeit, der Sensation, zu dienen und geriet dabei in ein der «objektiven» Wissenschaft entgegengesetztes Extrem. Gerade hier gilt es, das Wesentliche vom Unwesentlichen streng zu unterscheiden.
3 Die pragmatische Geschichtswissenschaft hat sich ihrerseits einer schwerwiegenden Verfehlung schuldig gemacht, die es zu korrigieren gilt. Sie hat nicht verstanden, die Brücke zu schlagen, die in folgerichtiger Entwicklung der geschichtsbildenden Kräfte vom Mythus und von der Sage zur Geschichte hinführen kann. Statt die Brücke des Lebens zu schlagen, hat sie einen künstlichen Abgrund zwischen ihnen aufgerissen; sie hat dem Mythus und der Sage die ihnen angemessene und mit Recht zustehende welthistorische Beglaubigung nicht erteilt. Statt diesen beiden Quellen das ihnen eingeborene Lebensrecht, das sie in Wahrheit besitzen, zuzugestehen, wandte sie «wissenschaftliche Methoden» an, es ihnen zu verweigern. Das hatte zur Folge, daß der gewaltige, geschichtsbildende Lebensstrom, welcher aus diesen ursprünglichen Quellgebieten menschlichen Erlebens in das Delta der Geschichtswissenschaft fließen sollte, gehemmt, zum Versiegen gebracht worden ist.
4 Heute gilt es zu erkennen, daß dadurch eine tiefgehende Trübung unseres welthistorischen Blickfeldes eingetreten ist, weil ein wesentlicher, ein urtümlicher Bestand geschichtsbildender Kräfte in einen künstlichen Abgrund spurlos versickert ist. Dabei ist unser weltgeschichtliches Gesichtsfeld weder für das ältere vorchristliche Asien noch für das ältere Europa ein klares, der Wahrheit, der Entwicklung, den wirklichen Erscheinungen und Tatsachen [a] angemessenes. Trotz aller wissenschaftlichen Methoden, ja gerade wegen derselben, ist unser Blickfeld getrübt. Wir haben eine Geschichtsbetrachtung und -auffassung, die einer wissenschaftlich anerkannten Konvention entspricht, aber nicht den Weltideen und dem tellurisch-kosmischen Erleben, das in den tatsächlichen Geschichtsvorgängen mit der Hochgewalt nicht nur menschlichen, sondern menschheitlichen Geschehens sich entfaltet hat.
5 [...] Und noch während zur Blütezeit der deutsch-mittelalterlichen Dichtung eine Fülle herrlicher Sagen ihre künstlerische Darstellung fand, wie das Nibelungenlied, der Parzival, Tristan und Isolde und andere, ließ sich die «objektiv» sich gebende Geschichtswissenschaft in keiner Weise von dem befruchten, was gleichzeitig an gewaltigen und wahren Erlebnissen im Volkstum vorhanden war und lieferte statt Leben, Gestaltung und Idee mit allen Mitteln einer hochorganisierten und intellektuell-scharfsinnigen Dokumentenforschung ein wissenschaftlich einwandfreies anatomisches Präparat einer deutsch-mittelalterlichen Kaisergeschichte, das dann als solches von Generation zu Generation der heranwachsenden Jugend vorgesetzt worden ist. Dadurch wurde weitgehend das unterbunden, was Goethe als die edelste Frucht der Geschichte bezeichnete, der Enthusiasmus, den sie erregt. Aber er sagte auch: «Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht mehr*.»
* Goethe: Sprüche in Prosa, Abt. Das Erkennen. Geschichte.
6 Goethe hatte mit diesen Worten eine Geschichtsauffassung und -methode im Auge, die seinem universellen Wesen entsprach. Er meinte eine prometheische Geschichtsauffassung. Die neuere, die pragmatische Geschichtswissenschaft dagegen ist epimetheisch, ist reine Dokumentenforschung geworden.
aus «Die drei großen Staufer»; S.5ff
ERGÄNZUNG
[...] Jede heroische Legende [neueren Ursprungs] ist ja immer eine Art geistiges Hinterland der Geschichte, sie fordert, wie jedes Hinterland, sehr billig alte Tugenden, die sie nicht selbst mitleiden muß: unbeschränkte Menschenopfer, restlose Hingabe auch an den heroischen Wahnsinn, fremden Heldentod und fremde sinnlose Treue. [...]
Stefan Zweig
aus «Joseph Fouché»; S.273
a] vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b