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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ilya PRIGOGINE zu
ZEIT, RAUM und NATURWISSENSCHAFT
1 Wir gelangen somit zu dem Schluß, daß die gebrochene Zeit-Symmetrie ein wesentliches Element unserer Naturauffassung ist. Was mit dieser Aussage gemeint ist, sei an einem einfachen musikalischen Experiment verdeutlicht. Wir können eine bestimmte Folge von Tönen innerhalb eines gegebenen Zeitintervalls, sagen wir in einer Sekunde, erzeugen und dabei zum Beispiel mit piano beginnen und mit fortissimo enden. Beginnen wir dieselbe mit fortissimo und lassen wir sie piano ausklingen, so ist der akustische Eindruck natürlich grundlegend verschieden. Das kann nur bedeuten, daß wir, ausgestattet mit einer inneren Zeitrichtung, zwischen diesen beiden Ausführungen einen Unterschied machen. Aus der Perspektive, die wir hier beschrieben haben, bringt dieser „Zeitpfeil” den Menschen nicht in einen Gegensatz zur Natur. Sie betont vielmehr, daß die Menschheit eingebettet ist in das evolutionäre Universum, das wir auf allen Ebenen der theoretischen Beschreibung entdecken.
2 Die Zeit ist nicht nur ein wesentliches Element unserer inneren Erfahrung und der Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Geschichte auf der individuellen wie der gesellschaftlichen Ebene. Sie ist auch der Schlüssel zu unserem wissenschaftlichen Verständnis der Natur.
3 Die Naturwissenschaft im modernen Sinne gibt es seit nunmehr drei Jahrhunderten. In dieser Zeit hat es zwei Stufen gegeben, in denen die Wissenschaft uns - um einen Ausdruck von Ivor Leclerc (1972) zu benutzen - eine wohldefinierte Vorstellung von der Natur der physikalischen Existenz vermittelte:
4 - Die erste Stufe kam mit Newton, d.h. mit seiner Sicht der Welt, die geprägt war von unwandelbaren Substanzen und Bewegungszuständen, mit einer Konzeption, in der Materie, Raum und Zeit voneinander getrennt waren, weil Zeit und Raum als passive „Gefäße” der Materie aufgefaßt wurden.
5 - Eine zweite Stufe wurde von Einstein erreicht. Die wohl größte Errungenschaft der Allgemeinen Relativitätstheorie besteht darin, daß Raum und Zeit nicht mehr als unabhängig von der Materie gedacht werden. Vielmehr werden sie selbst von der Materie erzeugt. Allerdings war es für Einstein wesentlich, die Idee der Lokalisierbarkeit in Raum und Zeit als integralen Bestandteil der Theorie beizubehalten.
6 Jetzt [1979] gelangen wir zu einer dritten Stufe, in der diese Lokalisierbarkeit von Objekten in Raum und Zeit einer gründlicheren Analyse unterzogen wird. Bemerkenswert ist, daß die Frage nach der mikroskopischen Struktur von Raum und Zeit aus voneinander ganz unabhängigen Beweggründen gestellt wird: einmal von der Quantentheorie her und zum anderen - wie ich in dieser Monographie zu zeigen versuchte - von der mikroskopischen Theorie der Irreversibilität [Unumkehrbarkeit] her. Irreversibilität, die Tätigkeit, die in Raum und Zeit wirkt, verändert darüber hinaus deren Struktur. An die Stelle der statischen Auffassung von Raum und Zeit tritt die dynamischere Auffassung von einer „Verzeitlichung des Raumes”.
7 Es ist bemerkenswert zu erkennen, wie weit einige neuere Ergebnisse von Philosophen wie Bergson, Whitehead und Heidegger vorweggenommen worden sind, wobei der Hauptunterschied darin besteht, daß sie nur im Gegensatz zur Naturwissenschaft zu solchen Folgerungen gelangen konnten, während wir jetzt beobachten, daß diese Einsichten sozusagen aus der naturwissenschaftlichen Forschung heraus erwachsen.
8 Whitehead betont in seinem grundlegenden Werk Process and Reality (1969), daß die bloße Lage in Raum und Zeit nicht hinreichend sein könne, daß es wesentlich sei, die Materie in einen Strom der Einwirkung einzubetten. Entitäten oder Zustände lassen sich nach Whitehead ohne Aktivität nicht definieren. Aus passiver Materie kann kein schöpferisches Universum entstehen.
9 Schon der Titel von Heideggers einflußreichem Werk Sein und Zeit (1927) ist ein Manifest an sich, in dem sich der Widerspruch Heideggers gegen den seit Plato in der abendländischen Philosophie vorherrschenden „zeitlosen” Seinsbegriff ausdrückt. Wie G. Steiner es in seinem Kommentar zu Heidegger (1980) schön zusammengefaßt hat, „sind die menschliche Person und das Selbstbewußtsein nicht der Mittelpunkt, nicht die Richter der Existenz. Der Mensch ist lediglich ein privilegierter Zuhörer und Verteidiger der Existenz.”
10 [...] Irreversibilität besteht nicht nur auf der Ebene (mikroskopischer) dynamischer Systeme, sondern auch auf der Ebene der makroskopischen Physik (z.B. in der Turbulenz), in der Biologie und in der Gesellschaft. Wir erkennen daher eine ganze Hierarchie innerer Zeiten. Einerseits sind wir als Entität das Ergebnis gegensätzlicher Wirkungen, können aber dennoch durch eine einzige innere Zeit charakterisiert werden. Andererseits gehören wir als Mitglieder einer Gruppe zu einer höheren „Ebene” von innerer Zeit, an der wir teilhaben. Vermutlich entstehen viele unserer Probleme, wie E. Minkowski es in seinem Buch „Le temps vécu” (1968) so schön beschreibt, aus Konflikten zwischen inneren Zeitskalen, die in uns stecken, und äußeren Zeitskalen, die außerhalb von uns existieren.
11 Wie dem auch sein mag - diese neue Situation wird wahrscheinlich dazu führen, daß zwischen der Wissenschaft und den übrigen kulturellen Bestrebungen des Menschen neue Brücken geschlagen werden. Die Welt ist weder ein Automat noch ein Chaos. Sie ist eine Welt der Ungewißheit, aber auch eine Welt, in der das Handeln des Einzelnen nicht notwendig zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, eine Welt, die nicht durch eine einzige Wahrheit zu beschreiben ist. Nach meiner Überzeugung ist es deshalb sehr befriedigend, daß die Wissenschaft dazu beitragen kann, Brücken zu schlagen und Gegensätze zu versöhnen, ohne sie zu verleugnen.
aus «Vom Sein zum Werden»; S.261ff