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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Hildegard von BINGEN zum
SEELENZWEIFEL
5. Von den Unruhen, welche die teuflische [a] Überredungskunst stiftet
Ach, ich arme Pilgerin! Wie kann ich diese Gefahren bestehen? Und wenn mich teuflische Einflüsterung anfällt und sagt: „Ist etwa das gut, was du nicht kennst und weder sehen noch vollbringen kannst?” Was wird dann passieren? Und wenn sie mir wiederum einflüstert: „Warum läßt du von dem ab, was du kennst, einsiehst und vermagst?” Was soll ich dann tun? Voll Schmerz erwidere ich: „Ach ich Unglückliche! Durch Adam wehte mir das schädliche Gift zu; denn er übertrat das göttliche Gebot, wurde auf die Erde verbannt und vereinigte die fleischlichen Zelte. Denn beim Genuß des Apfels, von dem er durch den Ungehorsam kostete, führte er seinem Fleisch und Blut schädliche Süßigkeit zu, und so verursachte er die Befleckung mit Lastern. Deshalb verspüre ich in mir die Sünde des Fleisches; den allerreinsten Gott aber vernachlässige ich im Rausch meiner Schuld. Doch ich darf dem nicht folgen, was dem Geschmack meines Zeltes [b] entspricht. Doch weil Adam am Anfang (prima apparitione) rein und einfältig von Gott geschaffen war, fürchte ich Gott im Wissen darum, daß auch ich als reines, einfältiges Geschöpf erschaffen bin. Doch sogleich versetzt mich die böse, lasterhafte Gewohnheit in Unruhe. Ach, ich bin überall ein Fremdling!” Deshalb erheben sich in mir Stürme mit vielen lügenhaften Stimmen aller Art und rufen: „Wer bist du und was tust du? Was sind das für Kämpfe, die du da ausfichst? Unglücklich bist du! Du weißt ja nicht, ob dein Werk gut oder böse ist. Wo wirst du landen? Wer wird dich retten? Was sind das für Irrtümer, die dich zum Wahnsinn treiben? Oder wirst du vollbringen, was dich gelüstet? Oder kannst du dem entfliehen, was dir Angst einjagt? O, was wirst du tun, wenn du eines weißt und das andere nicht? Was dir Spaß macht, ist dir verboten, und was dich ängstigt, dazu treibt dich das Gebot Gottes an. Und woher weißt du, ob es sich so verhält? Es wäre besser, du wärest gar nicht gewesen.” Und wenn sich diese Stürme in mir erheben, beschreite ich einen anderen Weg, der meinem Fleisch schwer fällt, weil ich beginne, Gerechtigkeit zu üben.[c] Doch wiederum steigt in mir der Zweifel auf, ob das vom Heiligen Geiste komme oder nicht und ich sage: „Es ist sinnlos!” Und dann möchte ich über die Wolken fliegen.[d] Wie denn? Ich will mich über meine Einsicht erheben und beginnen, was ich nicht vollenden kann. Doch wenn ich versuche, dies zu tun, ruft es eine große Traurigkeit in mir hervor, so daß ich weder auf der Höhe der Heiligkeit noch auf der Ebene des guten Willens etwas ausrichte, sondern die Unruhe des Zweifels, der Verzweiflung, der Trauer und steten Niedergeschlagenheit (oppressio omnium rerum) in mir erfahre. Und wenn mich teuflische Einflüsterung derart beunruhigt, ach, welches Unglück ereilt mich da! Alle Übel, die es da gibt oder geben kann, in Tadel, Fluch, Abtötung von Leib und Seele, in schmählichen Reden gegen die Reinheit, Nüchternheit und Erhabenheit, die bei Gott zu finden sind, all das tritt mir Unglücklichen vor Augen (mihi infelici occurrunt). Dann erhebt sich auch noch jene Bosheit gegen mich, daß mir alles Glück und Gut - im Menschen oder in Gott - lästig und verdrießlich wird, und mir mehr den Tod als das Leben verheißt. Weh mir! Welch unseliger Kampf, der mich von Mühe zu Mühe, von Schmerz zu Schmerz, von Zwiespalt zu Zwiespalt treibt und mir alles Glück raubt!
aus «Scivias»; S.63f
a] luziferische
b] siehe »TzN Nov.2026«
c] der inneren Eigenstimme gerecht zu werden
d] vgl. J.v.Eichendorffs „Mondnacht”
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit010490063.htm