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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von José ORTEGA Y GASSET zum
MECHANISCHEN STAAT
In unserer Zeit ist der Staat eine gewaltige Maschine geworden und arbeitet dank der Fülle und Präzision seiner Mittel mit einem bewundernswerten Wirkungsgrad. Ein Druck auf einem Knopf genügt, damit sich seine ungeheuren Hebel in Bewegung setzen und dröhnend an jeder Stelle des sozialen Körpers eingreifen.
Der moderne Staat ist das sichtbarste und bekannteste Erzeugnis der Zivilisation. Und es ist sehr aufschlußreich, es ist eine Offenbarung, sich die Einstellung des Massenmenschen zum Staat zu betrachten. Er sieht ihn, bewundert ihn, weiß, daß er da ist und für die Sicherheit seines Lebens bürgt; aber er hat kein Bewußtsein davon, daß er eine Menschenschöpfung ist, von gewissen Männern gewirkt und durch gewisse Tugenden und Voraussetzungen erhalten, die der Mensch gestern besaß und morgen verlieren kann. Andererseits sieht der Massenmensch in dem Staat eine anonyme Macht, und da er fühlt, daß er dasselbe ist - Volk -, glaubt er, der Staat sei sein Eigentum. Man stelle sich vor, daß im öffentlichen Leben eines Landes irgendeine Schwierigkeit, ein Konflikt, ein Problem auftaucht; der Massenmensch wird zu der Forderung neigen, daß der Staat sich sofort damit befasse und sie mit seinen riesenhaften und sicher wirkenden Mitteln direkt zu lösen unternehme.
Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens, die Einmischung des Staates in alles, die Absorption jedes spontanen sozialen Antriebs durch den Staat; das heißt die Unterdrückung der historischen Spontaneität, die letzten Endes das Schickssal der Menschheit trägt, nährt und vorwärtstreibt. Wenn die Masse irgendein Unbehagen oder einfach ein heftiges Gelüst verspürt, bedeutet die beständige Gewißheit, alles ohne Mühe, Kampf, Zweifel noch Gefahr erreichen zu können, einfach indem man auf einen Knopf drückt und die wundertätige Maschine arbeiten läßt, eine große Versuchung für sie. Die Masse sagt sich: „Der Staat bin ich”, was ein vollendeter Irrtum ist. Der Staat ist mit der Masse einzig in dem Sinn identisch, in dem man sagen kann, daß zwei Menschen einander gleich sind, weil keiner von ihnen Hans heißt. Der heutige Staat und die Masse stimmen nur darin überein, daß beide anonym sind. Aber da der Massenmensch tatsächlich glaubt, er sei der Staat, wird er in wachsendem Maße dazu neigen, ihn unter beliebigen Vorwänden in Tätigkeit zu setzen, um so jede schöpferische Minorität zu unterdrücken, die ihn stört, ihn auf irgendeinem Gebiet stört - in der Politik, der Wissenschaft, der Industrie [und der Religion].
in „Der Aufstand der Massen”, 1930
aus «Gesammelte Werke III»; S.96ff