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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zur
ZEITUNGSSPRACHE
1 [...] Auch gegenüber den tiefsten Geschehnissen wird ironisch Distanz genommen. Kein einziges Bild ist echt empfunden, man genießt nur die Formulierung als solche. Und es liest sich auch recht süffig. Diese Art des Sprachgebrauchs finden wir auch in dem folgenden «Spiegel»-Artikel:
Die Wüstenmetropole Phoenix im US-Staat Arizona zählt knapp eine Million Einwohner. Zu ihnen gehören auch 28 Personen, deren Leben «suspendiert» ist. In einem Tiefkühl-Bad aus flüssigem Stickstoff treiben sie - teils in voller Größe, teils nur als Köpfe ohne Körper - der erhofften Wiedererweckung entgegen.
Das Lager der Untoten liegt versteckt im rückwärtigen Teil des «Acoma»-Bürokomplexes in der Nähe des Flughafens. Behälter, die großen Spaghetti-Töpfen gleichen, bergen die 17 Tiefkühl-Köpfe (Fachterminus: Neuro-Patienten). 11 Komplettmenschen schwimmen paarweise in «Bigfoot Dewars», knapp drei Meter hohen Thermosflaschen auf Rollen. Mit den Eingeschlossenen frieren ein paar Hunde und Katzen, auf die ihre Besitzer auch in Zukunft nicht verzichten mögen ...¹⁵
Dieser Stil mag Heiterkeit erzeugen, aber eine Heiterkeit im Stil der Menschenverachtung, wo nichts, was man sagt, ernst genommen, wo alles mit spöttischer, ironischer Distanz formuliert wird. Es ist keine Verbindlichkeit in dieser Sprache. Sie vergiftet das Kulturleben. Es ist die intellektuelle Sprachverfremdung, das ironisch Distanzierte, oft in den Formen der Poesie. Wenn wir so infiltriert einen Eichendorff lesen, dann empfinden wir vieles als Kitsch, weil wir nicht mehr unbefangen lesen können. Wir sind bereits Opfer des verspottenden Sprachbildes geworden.
S.63f
15 Phönix aus dem Eis, in: «Der Spiegel» 9/1995, S.170
Heinz Zimmermann
aus «Vom Sprachverlust zur neuen Bilderwelt des Wortes»
2 Seit ich einigermaßen politisch denken kann, begleitet mich der Streit um Sprachregelungen, der Streit, wer welche »Begriffe besetzt«. Natürlich ist mir als Jugendlicher aufgefallen, dass die Springer-Presse die DDR in Gänsefüßchen setzte, die meisten anderen Zeitungen aber nicht. Wer im Sozialkundeunterricht von »Baader-Meinhof-Gruppe« sprach (statt von »Baader-Meinhof-Bande«), konnte sich einen Rüffel des Lehrers einhandeln.[a] Wer »Atomkraftwerk« sagte, outete sich als Gegner der Atomenergie, wer »Kernkraftwerk« sagte, gab sich als Befürworter der Kernenergie zu erkennen. Zeitweise sprach man von »Klimakatastrophe«, inzwischen ist der eher neutrale Begriff »Klimawandel« Usus. So geht es fort und fort. Obama ist »US-Präsident«, Putin hingegen »Kreml-Chef«, Milliardäre in den USA heißen »Großinvestoren«, in Rußland »Oligarchen«.
Die Kämpfer im Osten der Ukraine nennt man »prorussische Separatisten«. Warum nennt man sie nicht - zum Beispiel - »moderate Rebellen« [wie in Syrien]? Warum hat sich der Begriff »prorussische Separatisten« nicht nur in Deutschland durchgesetzt, sondern auch in Frankreich, Spanien, der englischsprachigen Welt? Warum nennt man ihre Gegner, die meist rechtsradikalen Milizen, beschönigend »Freiwilligen-Bataillone«? Man könnte auch von »Freikorps« sprechen, was Assoziationen zu jenen rechtsnationalistischen Verbänden wecken würde, die in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ihr Unwesen trieben.[b]
Medienkritik ist nicht zuletzt Sprachkritik. [...]
Ulrich Teusch
aus «Lückenpresse»; S.131
3 Gerade die Freiheit der Presse kann dazu führen, dass die »öffentliche Meinung« zum Instrument derer wird, die das Medienwesen beherrschen. Sie können sich dabei eine Eigenschaft zunutze machen, die Treitschke so formulierte:
Der Mittelstand haßt jede offene gewalttätige Tyrannei, doch er ist sehr geneigt, durch den Bannstrahl der öffentlichen Meinung alles zu ächten, was sich über ein gewisses Durchschnittsmaß der Bildung, des Seelenadels, der Kühnheit emporhebt. Die Friedensliebe, welche ihn auszeichnet und ihn an sich zu dem politisch fähigsten Stande macht, kann nur zu leicht ausarten in träges Behagen, in das gedankenlose, schläfrige Bestreben, alle Gegensätze des geistigen Lebens zu vertuschen und zu bemänteln, nur im Bereiche des materiellen Wirkens (des improvement!) ein reges Schaffen zu dulden.⁷
Aus diesem Grunde sah Treitschke die Notwendigkeit, die Gedanken Wilhelm von Humboldts zur Begrenzung des Staates zu ergänzen. Denn nicht allein der Staat kann eine Gefahr für die persönliche Freiheit werden, sondern auch eine »tyrannische öffentliche Meinung«⁸. Mit Humboldt war ihm klar, dass es verheerende Auswirkungen für die gesamte Gemeinschaft hat, wenn der »Gleichheitstrieb, der auf dem Gebiete des gemeinen Rechtes die köstlichsten Früchte gezeitigt hat, sich verirrt auf das Gebiet der individuellen Bildung«⁹. Denn sie nimmt sich den Zufluss dessen, was nur in individueller Freiheit errungen werden kann. Aber er spürte, dass diese Gefahr nicht bloß vom politischen Staat ausgeht, sondern aus einer tieferen Schicht kommt. Er stellte den Staat gewissermaßen zwischen die »freie Geselligkeit schöner und vornehmer Geister«, aus der die aufbauenden Impulse hervorgehen, und den Bereich der »tyrannischen öffentlichen Meinung«, die sowohl den Staat als auch die Gesellschaft bedroht.

7 Heinrich von Treitschke: ›Die Freiheit‹, in ders.: ›Ausgewählte Schriften. Erster Band‹, Leipzig 1920, S. 13.
8 A.a.O., S. 14: »Humboldt sah die Gefahr für die persönliche Freiheit nur im Staate, er dachte kaum daran, daß die Gesellschaft schöner und vornehmer Geister, welche mit ihm verkehrte, den einzelnen je an der allseitigen Ausbildung seiner Persönlichkeit hindern könnte. Wir aber wissen nunmehr, daß es nicht bloß eine ›freie Geselligkeit‹, sondern auch eine tyrannische öffentliche Meinung geben kann.«
9 Siehe Anm. 7.
Stephan Eisenhut
in »die Drei« 6/2020; S.33f
4 [...] ich habe mir nie die Fähigkeit erwerben können [...], mittels eines bestimmten, fachterminologisch verbrämten Allerweltsjargons Unwissenheit und Unverantwortlichkeit in eindrucksvolle Suada umzusetzen. Ich will nicht behaupten, Journalismus müsse so sein. Doch wage ich zu mutmaßen, daß die gutgläubigen Leser doch manchmal staunen würden, wenn sie wüßten, aus wie berufener Quelle ihnen gelegentlich die Wahrheit vom Tage zufließt. [...]
Walter Abendroth
aus «Ich warne Neugierige»; S.195
a] vgl.BÖLL, H.: «Die verlorene Ehre der Katharina Blum»
b] vgl. H.ARENDT über image making