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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zu
MERLINS VERSCHWINDEN
1 Und Merlin und Nimue durchwanderten auf ihrem Wege viele Orte und Täler und Wälder, und manchen See überquerten sie, und Merlin brachte ihr unterwegs seine ganze Zauberkunst bei. So kamen sie schließlich nach Cornwall, wo jetzt an der Stelle von Herzog Gorloise von Tintagel König Marke regierte. Und genau zur vorbestimmten Zeit erreichten sie den Weißdornbusch [cratægus, ein Rosengewächs], der in voller Blüte stand und die Abendluft mit seinem süßen Duft erfüllte.
Da legte sich Merlin unter den Busch und bettete den Kopf in Nimues Schoß, und sie löste ihr langes schwarzes Haar, das nun um die beiden eine Art von Vorhang bildete. Und dann begann sie, magische Weisen zu singen. Merlin war es, als hörte er das Summen der wilden Bienen auf den hügeligen heimatlichen Weiden aus der Zeit seiner Jugend herübertönen. Und dann sank er in einen Schlaf, der tiefer und ruhiger war als aller Schlaf der Sterblichen.
Und als Nimue bemerkte, daß er sich in tiefem Zauberschlaf befand, erhob sie sich, um einen neuen Zauber zu vollführen, einen Tanzzauber. Sie zog mit ihren Schritten einen Kreis nach dem andern um den ganzen Busch. Neunmal umtanzte sie ihn, und während sie tanzte, öffnete sich zwischen den Wurzeln eine Höhle, und das Gras und die Steine und die verschlungenen Wurzeln hoben sich in die Höhe und bildeten ein Dach, bis auch die letzte offene Stelle zugedeckt war. Und nun lag Merlin inmitten der Höhle, und nichts verriet den Ort, wo er lag, als ein Weißdornbusch, der auf einem steinigen Erdwall wuchs.
»Ruhe hier, bis es Zeit ist für ein neues Erwachen«, sagte Frau Nimue, nachdem der Zauber vollbracht war, und ging ihres Wegs.
Rosemary Sutcliff
aus «Merlin und Artus»; S.83f
2 Diesen Punkt der Menschheitsevolution hat die [früh]englische Mythologie in der Merlin-Legende erlebt. Merlin war ja der Seher, dessen visionäre Kraft einst das ganze Universum erfassen konnte. Aber diese Kraft läßt nach, bis sie schließlich nichts anderes mehr in Sicht hat als die Baumnymphe, mit der sich Merlin in Liebe vereinigen sollte. Doch die Nymphe wollte ihm ihre Liebe nur unter der Bedingung schenken, daß er ihr alle seine Geheimnisse preisgäbe. Und Merlin erzählte ihr alles, was er wußte, doch das befriedigte sie immer noch nicht. Sie wollte unbedingt noch wissen, wie sie ihn auf immer gefangen halten könnte. Und so mußte er ihr auch dieses Geheimnis preisgeben. Es war Merlins Bestimmung, das historische Schicksal der hellseherischen Fähigkeit innerhalb der Menschheitsentwicklung als sein ganz persönlich-individuelles [und damit exemplarisches] Schicksal zu erleben. Und so kam es, daß die Nymphe ihn im Felsen gefangensetzte, indem sie die neun Sphären, die neun Hierarchien anrief, durch welche der Geist herabgestiegen war.
Walter Johannes Stein
aus «Der Tod Merlins»; S.119f
3 Merlin stellt den Versuch des mittelalterlichen Unbewußten dar, eine Parallelfigur zu Parzival zu gestalten. Parzival ist der christliche Held, und Merlin, als Sohn des Teufels [eines Dämons] und einer reinen [unschuldigen] Jungfrau, ist sein dunkler Bruder. In der Zeit des 12. Jahrhunderts, als die Sage entstand, gab es noch keine Voraussetzungen, um das, was er darstellte, zu verstehen. Darum endet er im Exil und darum «le cri de Merlin», der noch nach seinem Tod aus dem Wald [der Felsenhöhle] ertönt. Dieses Rufen, das niemand verstehen konnte, zeigt, daß er in unerlöster Gestalt weiter lebte. Im Grunde genommen ist seine Geschichte auch heute noch nicht fertig, unbd er geht noch immer um. Man könnte sagen, daß das Geheimnis des Merlin von der Alchemie, vor allem in Gestalt des Mercurius, weitergeführt worden ist. Dann ist er von meiner Psychologie des Unbewußten aufgegriffen worden und - bleibt noch heute unverstanden! Weil den meisten Menschen das Leben mit dem Unbewußten schlechthin unverständlich ist.
C.G.Jung
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»; S.232
4 Aus all dem wird deutlich, daß das Motiv vom Dreifachen Tod, wie es Merlin zugeschrieben wird, den Mythos vom Erlösergott widerspiegelt, dessen Selbstopfer dem Glauben nach in dieser zutiefst rituellen Form stattgefunden hatte. Obwohl das Motiv zweifellos mythologischen Ursprungs ist, fand es, wie so viele andere Mythen, große Verbreitung im Volkstum. Es läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen, ob Merlins Ende als Spiegelung oder Nachahmung des Todes des Gottes gedacht war, oder ob die in Umlauf befindliche Volkssage zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Legende angefügt wurde. Insgesamt gesehen scheinen die Zeugnisse jedoch dafür zu sprechen, daß man ursprünglich von Merlin glaubte, er sei einen Opfertod gestorben. Das Motiv vom Dreifachen Tod findet sich in allen Fassungen der Merlinsage (Merlin [walis. Myrddin], Lailoken [cumbrisch], Suibhne [irisch]), woraus wir schließen, daß es bereits in einem frühen Entwicklungsstadium der Sage vorhanden war.
Nicolai Tolstoy
aus «Auf der Suche nach Merlin»; S.281
5 Der Zauberer Merlin ruht einer Sage nach unter einem Weißdornbusch für alle Zeiten, weil ihm dort die Fee Viviane [la Dame du lac, die Ziehmutter Lancelots] sein Wissen durch Zauberei entlockt hat. Dadurch wurde Merlin mit der eigenen Zauberkraft gebannt. Er hat sich mit seinem Herzensraum dieser Fee geöffnet. Er ist nicht durch Tod aus dieser Welt geschieden, sondern hat sich in seinem Herzensraum umgestülpt.
aus «FH 138»; S.62