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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Johannes KEPLER zu
WELTSEELE und GEIST
1 Da es nun manchen hochberühmten Professoren der Philosophie und der Medizin so vorkommt, daß ich eine neue Lehre, und zwar eine durchaus wahre, einführe, so muß dieses Pflänzchen, zart wie alles Neue, mit aller Sorgfalt gehegt und gepflegt werden, daß es in den Köpfen der Philosophierenden Wurzeln schlägt, daß es nicht in einer allzu großen Feuchtigkeit nichtiger Spitzfindigkeiten erstickt, nicht von den Sturzbächen herkömmlicher Anschauungen weggeschwemmt wird oder im Frost allgemeiner Gleichgültigkeit erfriert. Wenn es mir gelingt, dies zu vermeiden, so fürchte ich mich keineswegs vor den Winden der Verleumdungen, die es knicken, noch vor der Sonne einer ehrlichen Kritik, die es versengen könnte.
[...]
2 Daß es irgendeine Seele der ganzen Welt gibt, die über die Bewegungen der Gestirne, die Erzeugung der Elemente, die Erhaltung der Lebewesen und ihrer Nachkommenschaft und schließlich über die gegenseitige Wechselwirkung zwischen dem oberen und unteren Teil der Welt gesetzt ist, das hat Timäus aus Lokri bei Plato auf Grund pythagoräischer Lehren vertreten und Proklus sowohl an anderen Stellen als auch besonders mit den Worten, die wir im I. Kapitel dieses IV. Buches wiedergegeben haben, bestätigt. Nach diesen Philosophen ist die Seele etwas vom Geist Verschiedenes. Während der Geist einfach ist, so ist nach ihnen die Seele vielfältig in ihren Vermögen. Während die Ideen aller Sinnendinge primär durch sich, rein und ewig gleichbleibend dem Geiste innewohnen, sind sie in der Seele in sekundärer Weise enthalten, wegen des Geistes und von ihm übernommen, mehr zur Materie hinneigend. Jene Philosophen haben daher auch verschiedene Namen gebraucht; sie nannten die intellegiblen oder im Geiste wohenden Ideen Urbilder (paradigmata), die in der Seele wohnenden Abbilder dieser Urbilder (icones paradigmatum). Das Ganze geht darauf hinaus, daß der Christ sehr wohl unter dem Platonischen Geist Gott den Schöpfer und unter der Seele die Natur der Dinge verstehen kann.
3 Welche Winde es hauptsächlich waren, die das Schiff ihrer Gedanken zu diesen Lehren hintrieben, das zu untersuchen möchte ich anderen überlassen. Ich will von mir selber reden. Ich will fürs erste über eine solche allgemeine Weltseele in diesem IV. Buch nichts sagen, obwohl ich diesen Gedanken nicht verwerfe. Falls es eine solche gibt, so hat sie, wie mir scheint, ihren Sitz im Weltmittelpunkt, der für mich die Sonne ist; von diesem aus verbreitet sie sich in alle Weiten durch Vermittlung der Lichtstrahlen, die an die Stelle der Lebensgeister im beseelten Körper treten.
aus «Weltharmonik» IV.Buch, VII.Kapitel; S.255f