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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zu
TOTEN als UNBEWUSSTES
1 Es begann damit, daß eine Unruhe in mir war, aber ich wußte nicht, was sie bedeutete, oder was «man» von mir wollte. Es war eine seltsam geladene Atmosphäre um mich herum, und ich hatte das Gefühl, als sei die Luft erfüllt von gespenstischen Entitäten.[a] Dann fing es an, im Hause zu spuken: meine älteste Tochter sah in der Nacht eine weiße Gestalt durchs Zimmer gehen. Die andere Tochter erzählte - unabhängig von der ersten - es sei ihr zweimal in der Nacht die Decke weggerissen worden, und mein neunjähriger Sohn hatte einen Angsttraum. Am Morgen verlangte er von der Mutter Farbstifte, und er, der sonst nie ein Bild gemacht hatte, zeichnete den Traum. Er nannte es «Das Bild vom Fischer». Durch die Mitte des Bildes läuft ein Fluß, ein Fischer mit einer Angelrute steht am Ufer. Er hat einen Fisch gefangen. Auf dem Kopf des Fischers befindet sich ein Kamin, aus dem Feuer schlägt und Rauch aufsteigt. Von der anderen Seite des Ufers kommt der Teufel durch die Luft geflogen. Er flucht, daß ihm die Fische gestohlen würden. Aber über dem Fischer schwebt ein Engel, der sagt: «Du darfst ihm nichts tun: er fängt nur die bösen Fische!» Dieses Bild hatte mein Sohn an einem Samstagmorgen gezeichnet.
2 Am Sonntag gegen fünf Uhr nachmittags läutete es an der Haustür [in Küsnacht] Sturm. Es war ein heller Sommertag, und die zwei Mädchen waren in der Küche, von der man den offenen Platz vor der Haustür übersehen kann. Ich befand mich in der Nähe der Glocke, hörte sie und sah, wie der Klöppel sich bewegte. Alle liefen sofort an die Tür, um nachzuschauen, wer da sei, aber es war niemand da! Die Luft war dick, sage ich Ihnen! Da wußte ich: Jetzt muß etwas geschehen. Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Natürlich brannte in mir die Frage: «Um Gottes willen, was ist denn das?» Da riefen sie laut im Chor: «Wir kommen zurück von Jerusalem, wo wir nicht fanden, was wir suchten.» Diese Worte entsprechen den ersten Zeilen der «Septem Sermones as Mortuos».
3 Dann fing es an, aus mir herauszufließen, und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder angesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer wurde ruhig und die Atmosphäre rein. Bis zum nächsten Abend hatte sich wieder etwas angesammelt, und dann ging es von neuem so. Das war 1916.
4 Dieses Erlebnis muß man nehmen, wie es ist oder zu sein scheint. Wahrscheinlich hing es mit dem Zustand der Emotion zusammen, in dem ich mich damals befand, und in dem sich parapsychologische Phänomene einstellen können. Es war eine unbewußte Konstellation, und die eigentümliche Atmosphäre einer solchen Konstellation war mir als Numen eines Archetypus wohlbekannt. «Es eignet sich, es zeigt sich an!» Der Intellekt möchte sich natürlich eine naturwissenschaftliche Erkenntnis darüber anmaßen oder noch lieber das ganze Erlebnis als Regelwidrigkeit totschlagen. Was für eine Trostlosigkeit wäre eine Welt ohne Regelwidrigkeiten!
5 Kurz vor diesem Erlebnis hatte ich eine Phantasie aufgeschrieben, daß die Seele mir entflogen sei. Das war mir ein bedeutsames Ereignis. Die Seele, die Anima, schafft die Beziehung zum Unbewußten. In gewissem Sinne ist es auch eine Beziehung zur Kollektivität der Toten; denn das Unbewußte entspricht dem mythischen Totenland, dem Lande der Ahnen. Wenn also in einer Phantasie die Seele verschwindet, so heißt das, sie habe sich ins Unbewußte oder ins «Totenland» zurückgezogen. Das entspricht dem sogenannten Seelenverlust, einem Phänomen, das man bei den Primitiven relativ häufig antrifft. Im «Totenland» bewirkt die Seele eine geheime Belebung und gibt den anzestralen Spuren, den kollektiven Inhalten des Unbewußten, Gestalt. Wie ein Medium gibt sie den «Toten» die Möglichkeit, sich zu manifestieren. Darum erschienen sehr bald nach dem Verschwinden der Seele die «Toten» bei mir, und es entstanden die «Septem Sermones as Mortuos».
6 Damals und von da an sind mir die Toten immer deutlicher geworden als Stimmen des Unbeantworteten, des Nicht-Gelösten und Nicht-Erlösten; denn da die Fragen und Anforderungen, die ich schicksalsmäßig zu beantworten hatte, nicht von außen an mich kamen, kamen sie eben aus der inneren Welt. So bildeten die Gespräche mit den Toten, die «Septem Sermones», eine Art Vorspiel zu dem, was ich in der Welt über das Unbewußte mitzuteilen hatte: eine Art von Ordnungsschema und Deutung der allgemeinen Inhalte des Unbewußten.

⁵ «Wandlungen und Symbole der Libido», 1912. Neuauflage «Symbole der Wandlung». 1952.
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»; S.194f
a] vgl. R.Steiner zu Phantomen, Gespenstern u. Dämonen