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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zum
NIRDVANDVA
1 Wo immer die Seele durch ein numinoses Erlebnis in heftige Schwingung versetzt wird, besteht die Gefahr, daß der Faden, an dem man aufgehängt ist, zerrissen wird. Daduch fällt der eine Mensch in ein absolutes «Ja» und der andere in ein ebenso absolutes «Nein». «Nirdvandva» (frei von Zweien) sagt der Osten. Das habe ich mir gemerkt. Das geistige Pendel schwingt zwischen Sinn und Unsinn und nicht zwischen richtig und unrichtig. Die Gefahr des Numinosen besteht darin, daß es zu Extremen verleitet, und daß dann eine bescheidene Wahrheit für die Wahrheit und ein kleiner Irrtum für eine fatale Verirrung gehalten wird. Tout passe - was gestern Wahrheit war, ist heute eine Täuschung, und was vorgestern als Fehlschuß galt, kann morgen eine Offenbarung sein - vollends in psychologischen Dingen, von denen wir ja in Wirklichkeit noch sehr wenig wissen. Wir haben es uns längst nicht immer klar gemacht, was es heißt, daß überhaupt nichts existiert, wenn nicht ein kleines - oh so vergängliches - Bewußtsein etwas davon gemerkt hat!
2 Das Gespräch mit Freud hatte mir gezeigt, daß er befürchtete, das numinose Licht seiner Sexualerkenntnis könnte durch eine «schwarze Schlammflut» ausgelöscht werden.[a] Dadurch entstand eine mythologische Situation: der Kampf zwischen Licht und Dunkel. Das erklärt die Numinosität dieser Angelegenheit und die sofortige Zuhilfenahme eines religiösen Abwehrmittels, des Dogmas. In meinem nächsten Buch, das sich mit der Psychologie des Heldenkampfes beschäftigte⁵, griff ich den mythologischen Hintergrund von Freuds seltsamer Reaktion auf.
3 Die sexuelle Interpretation einerseits und die Machtabsichten des «Dogmas» andererseits führten mich im Laufe der Jahre zum typologischen Problem, sowie zur Polarität und Energetik der Seele. Darauf folgte die über einige Jahrzehnte sich erstreckende Untersuchung der «schwarzen Schlammflut des Okkultismus»; ich versuchte, die bewußten und unbewußten historischen Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Psychologie zu verstehen.
4 Es interessierte mich, Freuds Ansichten über Praekongnition und über Parapsychologie im allgemeinen zu hören. Als ich ihn im Jahre 1909 in Wien besuchte, fragte ich ihn, wie er darüber dächte. Aus seinem materialistischen Vorurteil heraus lehnte er diesen ganzen Fragenkomplex als Unsinn ab und berief sich dabei auf einen dermaßen oberflächlichen Positivismus, daß ich Mühe hatte, ihm nicht allzu scharf zu entgegnen. Es vergingen noch einige Jahre, bis Freud die Ernsthaftigkeit der Parapsychologie und die Tatsächlichkeit «okkulter» Phänomene anerkannte.
5 Während Freud seine Argumente vorbrachte, hatte ich eine merkwürdige Empfindung. Es schien mir, als ob mein Zwerchfell aus Eisen bestünde und glühend würde - ein glühendes Zwerchfellgewölbe. Und in diesem Augenblick ertönte ein solcher Krach im Bücherschrank, der unmittelbar neben uns stand, daß wir beide furchtbar erschraken. Wir dachten, der Schrank fiele über uns zusammen. Genauso hatte es getönt. Ich sagte zu Freud: «Das ist jetzt ein sogenanntes katalytisches Exteriorisationsphänomen.»
6 «Ach», sagte er, «das ist ja ein leibhaftiger Unsinn!»
7 «Aber nein», erwiderte ich, «Sie irren, Herr Professor. Und zum Beweis, daß ich recht habe, sage ich nun voraus, daß es gleich nochmals so einen Krach geben wird!» - Und tatsächlich: kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, begann der zweite Krach im Schrank!
⁵ «Wandlungen und Symbole der Libido», 1912. Neuauflage «Symbole der Wandlung». 1952.
S.158ff
Numinosum. Rudolf Ottos Begriff («Das Heilige») für das Unaussprechliche, das Geheimnisvolle, Erschreckende, «Ganz Andere», die nur dem Göttlichen zukommende unmittelbar erfahrbare [evidente] Eigenschaft.
S.413
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»
a] „Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Freud zu mir sagte: «Mein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk.» Das sagte er zu mir voll Leidenschaft und in einem Ton, als sagte ein Vater: «Und versprich mir eines, mein lieber Sohn: geh jeden Sonntag in die Kirche!» Etwas erstaunt fragte ich ihn: «Ein Bollwerk - wogegen?» Worauf er antwortete: «Gegen die schwarze Schlammflut -« hier zögerte er einen Moment, um beizufügen: «des Okkultismus.» Zunächst war es das «Bollwerk» und das «Dogma», was mich erschreckte; denn ein Dogma, d. h. ein indiskutables Bekenntnis, stellt man ja nur dort auf, wo man Zweifel ein für alle Mal unterdrücken will. Das hat aber mit wissenschaftlichem Urteil nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit persönlichem Machttrieb.” (op.cit.; S.154f)