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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu den
EVANGELIEN
1 Daß man sich die Aufgabe stellte, das »Leben Jesu« im Sinne einer menschlichen Biographie zu erforschen und darzustellen, ist kaum länger als hundertfünfzig Jahre her. Man begann damit im Zeitalter der Aufklärung, als der letzte Sinn und Instinkt für das Übersinnliche zu ersterben begann. Vorher, vor allem in den Zeiten des Urchristentums, hatte man, wenn auch nur empfindungsmäßig, noch eine viel zu lebendige Ahnung und Ehrfurcht vor der göttlichen Christuswesenheit, als daß man es gewagt hätte, an das Evangelium mit den gleichen Maßstäben heranzutreten wie sonst an die Schicksale und Lebensläufe großer Menschen.
2 Mit der Verkennung des Christuswesens, die nun herrschend wurde, trat auch eine Verkennung der Evangelien ein. Obwohl das Dogma von der »Inspiration« bis in die rationalistische Theologie hinein immer noch wirksam blieb, erlosch doch das lebendige Gefühl für ein konkretes hervorfließen der Evangelien aus in sich abgestuften übersinnlichen Wahrnehmungen und damit auch für die sinnvollen Stilunterschiede zwischen den verschiedenen Evangelien.
3 Es kam zu einer folgenschweren Verwechslung. In dem einseitigen Bestreben, den Evangelien Nachrichten über den äußeren biographischen Verlauf des Lebens Jesu zu entnehmen, kam man darauf, den ersten drei Evangelien als historischen Dokumenten und Quellenschriften den Vorzug zu geben und das Johannes-Evangelium, das man für eine vorwiegend philosophische Schrift hielt, für historisch unergiebig und unzuverlässig zu erklären. In Wirklichkeit aber sind es gerade die ersten drei Evangelien, die, weil sie aus der nur in Bildern verlaufenden imaginativen Erkenntnis stammen, physische und übersinnliche Vorgänge, äußeres und inneres Geschehen ohne besondere Unterscheidung nebeneinanderstellen; während das Johannes-Evangelium, das der exakten Inspiration entstammt, überall durch den imaginativen Bildschleier hindurch bis zu den konkreten historischen Vorgängen vordringt.
[...]
4 Der Irrtum, der zuallererst überwunden werden muß, ist die Meinung, es sei leicht, an Hand der Evangelien den historisch-biographischen Tatbestand zu sehen und zu schildern. Vor allem in den ersten drei Evangelien bietet sich uns zunächst nur die Schicht dar, die aus Seelenbildern gewoben ist. Sie läßt uns einen ahnenden Anteil gewinnen an dem, was sich über den Häuptern der Menschen und im Innern ihrer Seelen zugetragen hat. Geistige Zusammenhänge und Figuren sind das Erste, was sich dem aufgeschlossenen und zur Zusammenschau fähigen Evangelienleser ergibt. Was auf der physischen Ebene vor sich gegangen ist, verbirgt sich hinter diesem imaginativen Bildschleier. Nur die letzte und reifste Frucht eines langen Vertrautseins mit den Evangelien kann es sein, schließlich auch zur Anschauung der äußeren biographischen Tatbestände vorzudringen. Es versteht sich von selbst, daß dieses Ziel nicht erreicht werden kann, wenn nicht zuvor das Johannes-Evangelium auch in seinem konkret-historischen Charakter wieder entdeckt und in seine volle überragende Würde eingesetzt ist.
5 Wie unerläßlich es ist, in die Evangelienzusammenschau, deren Ziel die Erkenntnis des Lebens Jesu ist, das Johannes-Evangelium miteinzubeziehen, zeigt sich bereits, wenn man den allgemeinsten räumlich-zeitlichen Rahmen des Geschehens zwischen Jordantaufe und Golgatha zu spannen versucht. Hielte man sich nur an die ersten drei Evangelien, so käme man zwar zu einem großartigen Gesamtgemälde, müßte aber auf eine konkrete Vorstellung von dem räumlichen Hin und Her und dem Wechsel der Landschaft [a] sowie von der zeitlichen Dauer und Ordnung der Ereignisse verzichten. Erst durch Berücksichtigung des Johannes-Evangeliums kommt konkrete Bewegung in das Gesamtbild hinein, und es ist auch nur dadurch möglich, zu einer allerersten Chronologie des Lebens Jesu zu kommen.
aus «Die drei Jahre»; S.119ff
a] zwischen Galiläa, Samaria und Judäa