signum akadémeias
SCRIPTVM ⁜ XXVII
Urmaterie alchemistisch
Carl Gustav Jung
1 Die Basis des »opus« ist die »materia prima«, welche eines der berühmtesten Geheimnisse der Alchimie ist. Dies ist insofern nicht erstaunlich, als sie den unbekannten Stoff darstellt, welcher die Projektion des autonomen seelischen Inhaltes trägt. Ein solcher Stoff konnte natürlich nicht angegeben werden, weil die Projektion vom Individuum ausgeht und infolgedessen in jedem Falle wieder anders ist. Es ist darum auch nicht korrekt, zu behaupten, die Alchemisten hätten nie gesagt, was die »prima materia« sei; im Gegenteil haben sie nur zu viele Hinweise gegeben und sich dadurch endlos widersprochen. Für den einen war die »prima materia« das Quecksilber, für andere Erz, Eisen, Gold, Blei, Salz, Schwefel, Essig, Wasser, Luft, Feuer, Erde, Blut, Lebenswasser, Lapis, Gift, Geist, Wolke, Himmel, Tau, Schatten, Meer, Mutter, Mond, Drache,[a] Venus, Chaos, Mikrokosmos (Abb. 162). Das Ruland'sche Lexikon gibt nicht weniger als 50 Synonyme, die noch erheblich zu vermehren wären.
2 Neben diesen teils chemischen, teils mythologischen Bezeichnungen gibt es auch »philosophische«, die auf tiefere Bedeutung weisen. So finden wir die Bezeichnung »Hades« im Komarios-Traktat¹. Bei Olympiodor enthält die schwarze Erde den »von Gott Verfluchten« (ϑεοκατάρατος). Das »Consilium Coniugii« sagt, der Vater von Gold und Silber, also deren »prima materia«, sei das »Lebewesen (animal) der Erde und des Meeres« oder der »Mensch« bzw. ein »Teil des Menschen«, z. B. dessen Haare, Blut usw. Dorn nennt die »prima materia« »Adamica« und - in Anlehnung an Paracelsus - »limbus microcosmicus«. Die Materie des Steins sei »nichts anderes als der feurige und vollkommene Mercurius« und der wahre hermaphroditische Adam und der Mikrokosmus (= Mensch). (Siehe Abb. 163.) Hermes Trismegistus habe den Stein die »Waise« genannt². Da Dorn ein Paracelsus-Schüler ist, dürfte sich seine Auffassung auf die Anthroposlehre seines Meisters beziehen. [...]
3 Der als ἒν τὸ πὰν bezeichnete Merkurdrache der griechischen Alchemie gab Anlaß zur Charakterisierung der »prima materia« als Unum, Unica Res³, Monas⁴ und zum Ausspruch des »Liber Quartorum«, daß der Mensch zur Vollendung des Werkes geeignet sei, weil er das Einfache, nämlich die Seele besitze⁵. - Mylius schildert die »prima materia« als das »elementum primordiale«. Sie sei das »reine Subjekt und die Einheit der Formen«, worin irgendeine Form gegebenenfalls aufgenommen würde (»in quo retinetur qualibet forma cum possibilitate«).
prima materia © GNU
Abb. 162. Die entfesselten Gegensätze im Chaos. »Chaos ist eine der Bezeichnungen der »prima materia«.
Aus »Tableau du Temple des Muses« des Abbé de Marolles von 1655: 1er Tableau.
4 In der zweiten Fassung der »Turba« sagt Eximindus:
»Ich tue euch, Söhnen der Lehre, kund, daß der Anfang aller Kreaturen eine gewisse erste, immerwährende und unendliche Natur ist, welche alles kocht und regiert, und deren Aktives und Passives nur von denen gewußt und erkannt wird, denen die Bekanntschaft mit der heiligen Kunst gegeben ist⁶.«
5 Im »Sermo IX« (erste Fassung) gibt »Eximenus« eine der Bibel entsprechende Schöpfungslehre (Schöpfung durch das »Wort«), welche in absolutem Widerspruch zu der obigen steht, nach der der Anfang eine »natura perpetua et infinita« ist. Das »Rosarium« nennt die »prima materia« »radix ipsius« (Wurzel ihrer selbst). Sie wurzelt also in sich selbst und ist infolgedessen autonom und von nichts abhängig.
6 Als »radix ipsius« ist die »prima materia« ein wahres »principium«, und es ist von da nur ein Schritt zur Paracelsischen Ansicht, daß sie ein »increatum« (ein Ungeschaffenes) sei. In seiner »Philosophia ad Athenienses« sagt Paracelsus, daß diese einzigartige (unica) Materie ein großes Geheimnis sei ohne irgendwelche elementarische Natur. Sie fülle die ganze »regio aetherea«. Sie ist die Mutter der Elemente und aller Kreaturen (Abb. 163). Dieses Mysterium kann durch nichts ausgedrückt werden, und es ist auch nicht erschaffen worden (nec etiam creatum fuit). Dieses unerschaffene Mysterium ist von Gott so zubereitet (praeparatum) wurden, daß ihm (dem Mysterium) in Zukunft nichts ähnlich sei und daß es auch niemals zu dem zurückkehren wird, das es war⁷. Es sei nämlich verdorben worden, so daß es nicht mehr wiederhergestellt werden könne (was sich auf den Sündenfall beziehen dürfte). Dorn hat den Urtext sinngemäß wiedergegeben⁸.
mater prima © GNU
Abb. 163. Die Erde als »prima materia«, die den Sohn der Philosophen nährt.
Aus Mylius: »Philosophia Reformata« (Francofurti 1622) S. 96, Fig. 1.
7 Die Autonomie und Ewigkeit der »prima materia« weist bei Paracelsus auf ein der Gottheit ebenbürtiges Prinzip hin, welches einer »dea mater« entspricht. Wie sich eine solche Auffassung mit der [unfreien] christlichen Konfession des Paracelsus verträgt, ist dessen private Angelegenheit, und überdies nicht die einzige, die er auf dem Kerbholz hat. Die in ihrer Ungeheuerlichkeit interessanten (und von der »Aurora Consurgens« kaum überbotenen) Interpretationen des »Aquarium Sapientum«⁹ führen die Paracelsische Spekulation weiter (ohne Berufung auf den Autor). So spreche Micha V, 2 von der »prima materia«: »Sein Ursprung ist in der Vorzeit, in unvordenklichen Tagen.« (Die Vulgata hat: »egressus eius ab initio, a diebus aeternitatis«.) Ebenso hieße es: »Ehe Abraham war, bin ich« (Joh. VIII, 58). Daraus gehe hervor, daß der Stein keinen Anfang, sondern von aller Ewigkeit her sein »primum Ens« habe und auch ohne Ende in alle Ewigkeit existieren werde. Um dies richtig zu verstehen, müsse man allerdings die Augen der Seele und des Geistes recht aufmachen und mit dem innern Lichte genau betrachten und erkennen. Dieses Licht habe Gott von Anfang an in der Natur sowohl als in unserm Herzen angezündet¹°. Auf die gleiche Weise, fährt der Autor fort, wie der Stein zusammen mit seiner Materie an die tausend Namen habe und daher »wunderbar« genannt werde, könnten dieselben Namen im höchsten Grade von Gott ausgesagt werden¹¹, welche Anwendung der Autor auch tatsächlich macht. Mit dieser für [konfessionell] christliche Ohren unerhörten Folgerung ist aber nur wiederholt, was der »Liber Quartorum« schon deutlich gesagt hat: »Rex ex qua sunt res, est Deus invisibilis et immobilis¹².« »Res« bedeutet den Gegenstand der göttlichen Kunst. Zu diesem Schluß sind allerdings nur wenige der Philosophen expressis verbis durchgestoßen; aber deren Anspielungen sowohl wie die Verschleierungen gewinnen durch diesen Aspekt entschieden an Durchsichtigkeit. [...]
8 Die oben angeführten Beispiele zeigen, daß die Alchemisten allmählich sogar die Idee des höchsten Wertes, nämlich der Gottheit, in den Stoff projiziert haben. Damit wurde der höchste Wert mit dem Stoff verbunden und ein Ausgangspunkt geschaffen für die Entwicklung einerseits der wirklichen Chemie, andrerseits des philosophischen Materialismus neuern Datums mit allen jenen psychologischen Folgen, welche eine Drehung des Weltbildes um 180° notwendigerweise mit sich bringt. Obschon uns heute die Alchemie ferne liegt, darf man doch die geistesgeschichtliche Bedeutung, die sie für das Mittelalter hatte, auf keinen Fall unterschätzen. Die Neuzeit aber ist das seine Eltern nicht verleugnende Kind des Mittelalters.
____________
¹ Berthelot: »Alch. Grecs«, IV, XX, S. 8.
² Theatr. Chem. (1602), I, S. 578. An derselben Stelle erläutert Dorn: »Mercurium istum componi corpore, spiritu & anima, cumque naturam elementorum omnium et proprietatem assumpsisse. Qua propter ingenio et intellectu validissimis adseverarunt suum lapidem esse animalem, quem etiam vocaverunt suum Adamum, qui suam invisibilem Evam occultam in suo corpore gestaret« etc.
Hoghelande sagt: »Sie haben die prima materia mit allem verglichen, mit dem männlichen und weiblichen, hermaphroditischen Monstrum, mit Himmel und Erde, mit Körper und Geist, Chaos, Mikrokosmus, mit der vermischten Masse (massa confusa); die in sich alle Farben enthält und potentiell alle Metalle, über die es nicht Wunderbareres in der Welt gibt, da sie sich selber befruchtet, von sich selber empfängt und sich selbst gebiert« (Theatr. Chem. [1602], I, S. 178f.).
³ »Tract. Aur. de Lapide« (Mus. Herm. [1678], S. 10 und viele andere Stellen).
Joannes Dee: »Monas Hieroglyphica« (Theatr. Chem. [1602], II, S. 218ff.) - Aegidius de Vadis (Theatr. Chem. [1602], II, S. 210) ist die »Monas« die wirksame »forma« in der Materie. Khunrath (»Amphitheatr.« [1604], S. 203) schreibt: » In Cabala est hominis ad monadis simplicitatem reducti, cum Deo, Unio: id in Physico-Chemia ad Lapidis nostri ... cum Macrocosmo Fermentatio.« Aehnlich in seiner »Confessio« (»Hyl. Chaos« [1597], S. 33 u. 204), wo die »Monas« ebenfalls mehr ein Symbol des vollendeten Lapis ist. Dorn (»De Spagirico Art.« im Theatr. Chem., I, S. 441) sagt: »In uno est enim unum et non est unum, est simplex et in quaternario componitur.« Er ist in der Lehre vom »Einfachen« stark vom »Liber Quartorum« beeinflußt. (Er erwähnt auch einmal die Magi.) An gleicher Stelle aber braucht Dorn den Ausdruck »Monas« auch für das Ziel: »A ternario et quaternario fit ad monadem progressus.« Die Bezeichnung »Lapis« wird durchgehend in der Literatur für die Bezeichnung von Anfang und Ziel gebraucht.
⁵ Theatr. Chem. (1602), V, S. 130.
⁶ Eximindus (resp. Eximidius in der ersten Fassung) ist eine Entstellung von Anaximenes oder Anaximander. Den Eximidius der ersten Fassung (Art. Aurif., I, S. 1) verbessert Ruska durch »Incipiens«.
Dorns Uebersetzung: »Increatum igitur mysterium hoc fuit ab altissimo opifice Deo praeparatum, ut ei simile nunquam futurum sit, nec ipsum unquam rediturum, ut fuit« (Theatr. Chem., I, S. 380.). Die entsprechende Stelle bei Paracelsus lautet: »Also ist ein mysterium magnum ungeschaffen von dem höchsten kunstler zubereitet udn wird im keine niemermer gleich und komt auch niemer wieder. dan gleich wie ein kes niemer zu milch wird, also wenig wird die generation in ir erste materien widerkomen.« (Sudhoff, XIII, S.390.)
⁸ Paracelsus (»Philosophia ad Athenienses«): »Dis mysterium magnum ist ein muter gewesen aller elementen und gleich in solchen auch ein großmuter aller stern, beumen und der creaturen des fleischs. dan aus dem, wie von einer muter kinder geboren werden, also auch vom mysterio magno geboren seind alle geschöpf von entpfintlichen und unentpfintlichen und aller andern gleichförmig. und ist ein mysterium magnum ein einige muter aller tötlichen ding, und haben ir ursprung in ir genomen« usw. (Sudhoff, XIII, S.390.)
»Dieweil und nun aus dem mysterio increato alle andere tötliche seind gewachsen und entsprungen, ist nun zu verstehen, das kein geschöpf früer, spater oder sonderlichen geschaffen sei, sondern alls mit ein ander. dan in das höchst arcanum und groß gut des creators, hat alle ding in das increatum geschaffen, nicht formlich, nicht wesentlich, nicht qualitetisch, sonder es ist in dem increato gewesen, wie ein bilt in eim Holz ist, wiewohl das selbige nicht ersehen wird, es sei dan, das das uberig holz hindan geschnitten werd; darnach so wird das bilt erkent. also auch das mysterium increatum nicht anders zu verstehen ist, dan das das fleischliche und das unentpfintliche in seiner scheidung, ietliches in sein form und gestalt komen ist« (l. c. S. 391).
⁹ Ich muß hier einen Irrtum berichtigen, der mir in den »Paracelsica« unterlaufen ist: Außer dem dort erwähnten Autor bezieht sich auch das »Aquarium« auf die Ketzergeschichte, ebenfalls in ablehnendem Sinne.
¹° »Aquar. Sap.« (Mus. Herm. [1678], S. 106f.).
¹¹ l.c. S. 111.
¹³ Theatr. Chem. (1602), V, S. 145.
aus «Psychologie und Alchemie»; S.433ff
ADNOTATIONES
a] siehe Mbl-B.29