signum akadémeias
SCRIPTVM XVIII
Meditationspraxis Pratique de méditation
Interview
1 Das Buch ‹Meditation as Contemplative Inquiry› des Physikers Arthur Zajonc, Professor am Amherst College, wurde kürzlich ins Niederländische übersetzt. Im Sommer wird es unter dem Titel ‹Aufbruch ins Unerwartete. Meditation als Erkenntnisweg› im Stuttgarter Verlag Freies Geistesleben auf Deutsch erscheinen. ‹Goetheanum›-Korrespondentin Christine Gruwez traf den Autor während seiner Buchpräsentation in Amsterdam. [en projet de traduction]
2 Die Neuerscheinung zeichnet sich durch eine besondere Zusammenführung von Klarheit und Anwendbarkeit im Alltagsleben aus. Aus der transparenten Beschreibung des meditativen Weges, der oft in einem poetischen [a] Strom eingebettet ist, spricht außerdem der große Respekt von Arthur Zajonc für die individuelle Erfahrung, die zur Erkenntnis werden kann. Eine solche Erkenntnis kann nur dann erfolgen, wenn dafür ein Freiraum geöffnet wird, in dem keine festgelegten Vorstellungen von vornherein den Weg bestimmen. Zajonc zwingt zu nichts, sondern lädt in eine Atmosphäre der Offenherzigkeit ein.  
3 Gibt es einen Unterschied zwischen Kontemplation und Meditation? Denn: Nicht nur im englischen Titel, sondern auch im Buch werden beide Begriffe gleichwertig benutzt.  
4 Beim englischen Titel ist dies auf den Inhalt und den Gefühlswert der beiden Begriffe zurückzuführen, wie sie in den USA gebraucht werden; dort müssen Meditation und Kontemplation nicht unterschieden werden. Auch wenn in den USA bei dem Begriff ‹Meditation› eher ein religiöser Klang mitschwingt als bei dem Begriff ‹Kontemplation›.  
5«Wie auch immer, Meditation ist wichtig», schreiben Sie. Meditieren ist wichtig. Ob man meditiert oder nicht, macht einen großen Unterschied. Sogar sehr bescheidene Schritte auf diesem Weg bewirken, dass in der Erfahrung die Bedeutung der Meditation erlebbar wird. Wie ist es zu verstehen, dass man dabei so vielen Widerständen begegnet oder sie selbst hervorruft?  
6 Das hängt mit den «großen Mysterien der Schwelle» zusammen. In diesem Zusammenhang spricht Rudolf Steiner über die feindseligen Kräfte in der menschlichen Seele. Ich muss nicht nur ein Hindernis überwinden, wenn ich zu üben anfange und durch das Tor der Bescheidenheit [b] in das Reich des schweigenden Selbstes eintrete, sondern es gibt noch ein weiteres Hindernis, wenn ich meine Erfahrungen verinnerliche und wieder durch das Tor der Dankbarkeit [c] hinausgehe.  
Hin- und Rückweg  
7 Durch ein tiefes Erleben von Freude [d] kann Anwesendsein entstehen. Warum sollte ich diese Welt wieder verlassen? Auf der anderen Seite kann es auch Unsicherheit und Angst geben, bevor man sich auf den Weg begibt. Man kann Angst davor haben, ‹sich zu verlieben› mitsamt den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.  
8 Ihr Buch wird immer mehr zu einer Inspirationsquelle und einem praktischen Begleiter. Für viele Menschen bedeutet es eine willkommene Ergänzung und sogar etwas Neues, dass Sie dem Rückweg genausoviel Aufmerksamkeit schenken wie dem Hinweg.  
9 Dass ich diese beiden Aspekte als wichtig erachte, hängt damit zusammen, dass während des Rückweges [e] die Erfahrung, die während der Meditation gemacht wurde, integriert wird, das heißt, eigen gemacht wird und so in das Wesen des Meditierenden aufgenommen wird. Es handelt sich dabei um eine Verankerung, die man mit einem Inkarnationsprozess vergleichen kann.  
10 Die Archetypen dafür sind für mich die drei Schritte, die Rudolf Steiner in der ‹Philosophie der Freiheit› [f] beschreibt und die ebenfalls Schritte in einem Inkarnationsprozess sind, nämlich moralische Intuition, moralische Fantasie und moralische Technik. Die moralische Intuition ist nicht ein Endpunkt, sondern ein Anfangspunkt. Als Anfang fordert sie uns auf, auf die Suche nach Bildern zu gehen, die ihrerseits eine Nahrungsquelle für dasjenige sind, was auf Erden im konkreten Sinn ausgebaut werden will. Diese drei Schritte formen das Urbild, das durch den Rückweg hindurchwirkt. Dennoch habe ich das starke Gefühl, dass ich das noch weiter ausarbeiten sollte.  
Kultur der Zusammenarbeit  
11 Weltweit gibt es nicht nur ein stetig wachsendes Interesse für das Thema und die Praxis der Meditation, sondern es ist auf diesem Gebiet eine Art Intensivierung und Vertiefung im Gange. Sie selbst initiierten - neben vielen anderen Universitätsprofessoren - Meditationsgruppen an Universitäten in den USA, was sich in einem wachsenden Interesse niederschlägt. Daraus entstand auch das von Ihnen gegründete Center for Contemplative Mind in Society. Nehmen Sie Ähnliches auch in anthroposophischen Kreisen wahr, in denen wie in den Niederlanden (auf Initiative von Ron Dunselman) Meditationsworkshops angeboten werden?  
12 Ein Prozess des meditativen Reifens beginnt sich zu entwickeln und zu manifestieren. In den Anfangsjahren war Meditation eine strikt private [g] Angelegenheit. Man konnte Steiners Werke mit anderen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft studieren, aber die daraus gewonnenen Einsichten in die Praxis umzusetzen, spielte sich im Privaten ab. Über die praktischen Erfahrungen wurde nicht gesprochen. Jeder behielt seine Erfahrungen für sich.  
13 In den letzten 15 bis 20 Jahren kann man beobachten, dass sich immer mehr Menschen in der Meditationspraxis ‹zu Hause fühlen›. Deshalb entsteht das Bedürfnis, mit anderen darüber zu sprechen und über die eigenen Erfahrungen und die der anderen nachzudenken. Folglich werden Meditationsworkshops organisiert, die die Möglichkeit dazu bieten. Eine wichtige Initiative in diesem Zusammenhang ist die ‹Goetheanum Meditation Initiative Worldwide›[h], in der man nicht nur persönliche Erfahrungen mit anderen teilen, sondern sich auch über die Erfahrungen als Leiter einer solchen Gruppe austauschen kann.  
14 Eine wachsende Kultur der Zusammenarbeit kann man wahrnehmen, die es vorher so nicht gab. Mit den eigenen Erlebnissen hilft man den anderen und umgekehrt. Dies kann man als ein Zeichen eines Reifungsprozesses betrachten.  
15 Man kann Steiners Werke, zum Beispiel ‹Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?›[i], als die Frucht seiner meditativen Praxis sehen. Wir Anthroposophen wiederum haben Steiners Bücher studiert, und inzwischen sind die Früchte unserer eigenen individuellen Meditationspraxis gereift. So können wir uns nun unseren Früchten zuwenden. Dies ist ein neuer Prozess, eine neue Grundlage, die sich in einem seelischen Heilungsvorgang allein schon durch das Zur-Ruhe-Kommen manifestiert.[k] Erneuerung bildet einen wesentlichen Bestandteil der Meditationspraxis. Wenn sich der Geist offenbart, ist er immer neu.  
16 Der englische Buchtitel enthält das Motto: «Wenn Erkenntnis zu Liebe wird.» Die Erkenntnis, die in der Meditation entsteht und weiter wächst und zu einer Art Selbsterkenntnis wird, ist gleichzeitig auf den anderen Menschen gerichtet. Dies kann auch als Liebe verstanden werden. Man könnte es sich so vorstellen, dass durch meditative Arbeit eine Substanz geschaffen wird, die auf das Wohlergehen des anderen Menschen gerichtet ist - in dem Sinne, wie es durch den Begriff der Nachhaltigkeit geprägt wird: eine Entwicklung, die auf das Wohlergehen des (zukünftigen) anderen Menschen gerichtet ist. Häufig aber fühlt man sich hilflos, wenn es darum geht, dafür wirksame Formen zu finden.  
17 In der Meditation betreten wir sogenannten ‹geweihten Boden›, ein Innenraum, den wir in uns selbst erschaffen müssen. Dabei gehen wir durch das Tor der Selbstlosigkeit [l] hinein, genauso gehen wir aber auch durch das Tor der Selbstlosigkeit wieder hinaus. Die Früchte, die wir während der Meditation gewinnen - sich zum Beispiel in gesteigerter Wachheit dem anderen öffnen zu können und ihm zuzuhören, ohne gleich seine eigene Meinung hervortreten zu lassen -, sind dann auch für den anderen Menschen geweihter Boden. Im Wesentlichen ist dies der Pfad, den ich in meinem Buch beschreibe.  
18 In der sozialen Wirklichkeit, in der wir arbeiten, sollten wir Formen finden, um diese Früchte - Wachheit, Offenheit, Geistesgegenwart - im sozialen Leben umzusetzen. [...]  
in »das Goetheanum« 16·2010; S.1,3
ADNOTATIONES
a] Im Unterschied zur μίμησις (mímesis ~ das Nachahmen) galt Aristoteles die ποίησις (poíesis ~ das schöpferische Tun) als zweckgebundenes Handeln.  
b] vgl. «GA 9»; S.176f oder «GA 10»; S.20f  
c] vgl. «GA 165»; S.84f  
d] vgl. «GA 235»; S.68f  
e] Ähnlich wichtig ist das Abschiednehmen am Ende einer Begegnung, eines Erlebnisses oder einer Tätigkeit, unabhängig davon, welcher Stellenwert diesen beigemessen wird.  
f] «GA 9»  
g] Von lat. privare (~ rauben) stammend ist das Private der den anderen vorenthaltene Eigenbereich.  
h] deren nächste Versammlung vom 2. bis zum 5. Juli 2010 in Ytterjärna stattgefunden hat  
i] «GA 10»  
k] Ob dem im eigenen Fall wirklich so ist, vermag ein jedes nur von sich selbst zu sagen.  
l] Denn nicht nur R.Steiner warnt eindringlich (zB. in «GA 123»; S.144f) vor dem Egoismus im Bereich der Selbstschulung.