signum akadémeias
SCRIPTVM VIII
Nachrufe [a]
 
Walter Dierauer-Rupp
Wirst du mich schauen,
aus verwobenen Farben
gewirkte Gestalt?....
„Flugbär” hat irgendein Kindermund der Hummel nachgerufen, die vereinzelt brummend überall Nahrung sucht und so auch Blüte mit Blüte verbindet.[b]
Solch ein Flugbär ist Walter Dierauer-Rupp gewesen, der die physische Wirkungsebene am Merkurtag, den 10.Dezember 2003 in St.Gallen verlassen hat. Bis zu seinem altersbedingten Rückzug aus dem aktiven Leben vor gut vier Jahren war er unermüdlich unterwegs gewesen, grenzüberschreitend Menschen und Menschengruppen zu besuchen, die sich geistig oder künstlerisch interessiert zeigten, ob anthroposophisch orientiert oder nicht, selbstdenkend oder gar dogmatisch. Wie gerne tauschte er unterschiedliche Gedanken aus und bahnte Wege! Dazu begleitete er Lesegruppen von Buchs bis St.Gallen. Alles auf seine Weise.
Mit seiner 1987 verstorbenen Frau Gerta hatte er die anthroposophische Arbeit im schweizer Rheintal aufgebaut. Lang bevor sich die beiden 1985 an der Gründung der Liechtensteinischen Waldorfschule beteiligten, organisierten sie in ihrem Wohnort Heerbrugg vielbesuchte öffentliche Vorträge namens des von ihnen 1981 gegründeten G.E.Lessing-Zweiges, den er viele Jahre leitete. Gerta und Walter Dierauer-Rupp verdanken wir, dass bedeutende Vortragende den Menschen diesseits und jenseits des jungen Rheins die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nahebrachten.
Unabhängig davon schuf er viele Bilder eigenen Stils, die unter anderem in Basel, Bern, Helsinki, New York und Zürich ausgestellt worden sind. Viele seiner Werke weisen ihn als Meister der ostschweizer Avantgardemalerei aus, der sich nicht scheute, künstlerische Grenzen auszuloten. Obwohl ihn ein paar Kenner zeitgenössischer Kunst schon lange schätzen, beginnen die Menschen erst allmählich, auf seine farbenfrohen Blätter und Gemälde aufmerksam zu werden.
Weite Studienreisen sowie seine langjährige Lehrtätigkeit an Primar- und Heimschulen stärkten ihm den Sinn für die Beweglichkeit und den unvorhersagbaren Reichtum menschlicher Entwicklung. Zum Maler ausgebildet und der Reformbewegung zugetan, hatte er seine zivile und militärische Jugend im Spannungsfeld zwischen ungeliebter Pflicht und unbändigem Freiheitsdrang erfahren, und er ist jenem nie ganz entkommen. Bereits in der Kindheit aber hatte er gelernt, wie die Anforderungen des bürgerlichen Lebens eigenwillig umgesetzt werden können. Walter war seiner gestrengen Mutter und seinem kunstsinnigen Vater am 3.Juni 1917 im ländlichen Heerbrugg geboren worden.
Gerta Dierauer-Rupp
Am Samstag, den 14.November 1987 verließ Gerta Dierauer-Rupp in Heerbrugg ihren Leib; sie hatte ihn in mehr als zwölf Jahrsiebten bis zur Neige ausgeschöpft. Gebrechlich war er ihr geworden, und in den letzten Jahren hatte sich vor ihr Sehen ein milchigweißer, undurchdringlicher Schleier gelegt. Doch welch ein Feuer glomm bis zuletzt in solcher Schale! Wann immer es die Altersbeschwerden zuließen, empfing sie Menschen oder besuchte sie, und kaum einer wurde nicht durch ihre Lebendigkeit angeregt, ja durch ihren Witz ermuntert.
Noch in ihrem achtzigsten Lebensjahr, 1981, gründete sie gemeinsam mit der 1985 verstorbenen Ida Hollinger, ihrem zweiten Ehegatten, Walter Dierauer, und anderen den G.E.Lessing-Zweig in Heerbrugg; dem war eine jahrzehntelange Vorarbeit in Gruppen vorausgegangen und eingehendes Selbststudium. Dieser Zweig betonte von Anfang an die Öffentlichkeitsarbeit, eine zukunftsweisende Neuheit für das gesamte Rheintal, bei der Staatsgrenzen keine Rolle mehr spielten.
Seit Mitte der fünfziger Jahre wußte Gerta, daß sie ihr Augenlicht gänzlich verlieren würde. Das war ihr kein Grund, grämlich zu werden - sie nahm vielmehr diese letzte Herausforderung ihres Schicksales mutig an. Dabei half ihr auch die bereits aufgetauchte und nun immer weiter entwickelte dichterische Begabung. Manch einem wurde sie mit ihrer Seelenstärke und ihrem Humor zum Vorbild in einer Zeit, in der das Klagen über eigene und anderer Unzulänglichkeiten immer vielstimmiger zu werden scheint.
Gertas zweite Lebenshälfte, die etwa mit ihrer zweiten Eheschließung an ihrem Geburtstag 1945 begann, wurde mehr und mehr durch die Anthroposophie geprägt. Selbst schrieb sie einmal darüber: „Äußerlich kaum merklich an dieselbe gebunden, innerlich langsam und in immer größeren Tiefen davon erkenntnismäßig erfaßt, kam Gerta in die Anthroposophie hinein, und damit in ein echtes Christuserlebnis, nicht plötzlich, aber so langsam mit den Jahren, wie ein Baum wächst. Eines Tages kann man in seinem Schatten weilen und seine Früchte genießen. Dieses Geschehen war der Sinn der Verbindung mit Otto, Die Verwirklichung dieses Schicksals kam durch Walter ...”
Ihr erster Gatte, Otto Kalberer, verschied 1942 nach peinigender Krankheit in der Arlesheimer Klinik; Freunde hatten zu diesem Ort geraten. So war es ihm und damit seiner Frau gegeben, Ita Wegman [c] zu begegnen und in erste, ernste Berührung mit der Geisteswissenschaft zu treten. Seit dieser Zeit faßte Gerta den Tod als Freund auf. „Und aufs Sterben freue ich mich auch!” schrieb sie 1951 einmal nieder, „Nicht auf den Moment, auf das Leiden, aber auf das Drübensein!”
Nach Arlesheim waren sie aus Heerbrugg gekommen, wo sie ein kleines Kellerei-Geschäft aufgebaut hatten, das von Gerta geführt wurde, anfänglichen Schwierigkeiten zum Trotz. Sie hatte früher nie daran gedacht, Geschäftsfrau zu werden, fand jedoch bald Freude daran, wie sie sich ja immer wieder in verschiedene Lebenslagen finden mußte und diese dann mit Freude meisterte. In jenes Geschäft, in das noch eine Flaschenkapsel-Produktion einbezogen worden war, trat 1936 Sophie Köppel als Arbeiterin ein, die spätere Prokuristin, welche ihrer Arbeitgeberin bis zum Tode treu zur Seite stand und zuletzt die verschleierten Augen schloß.
Vor 1936 waren die beiden Kalberer sieben Jahre in Wien gewesen, bis sie dem Nazispuk und den schlechter gewordenen Arbeitsbedingungen wichen. Otto leitete als Chemiker ein großes Obstverwertungsunternehmen, und Gerta genoß das Leben in einer Großstadt, in der man nicht so leicht „verengen” konnte, wie sie fand. In Wien unterzog sich die rund Dreißigjährige einer Operation unter Narkose, von der sie später erinnerte: „Da habe ich richtig die Unsterblichkeit erlebt und das lebendige Leben.” Diese Erfahrung des Lebendigen hat sie bis in ihre letzten Tage hinein vermittelt.
Ihrer ersten Eheschließung 1928, ihrem siebenundzwanzigsten Lebensjahr, gingen Berufserfahrungen bei ihrer Mutter in Marienbad und zuvor als Gärtnerin an der Versuchsanstalt Wädenswil, wo sie Otto Kalberer kennenlernte, voraus sowie eine Zeit in Schaffhausen. Durch ihre ganze Ausbildungs- und Schulzeit, die sie mit vielen Unterbrechungen und Wechseln hinter sich brachte, fühlte sie sich immer wieder eingeengt von engstirnigen Lehrmethoden - der Unterricht, den eine solche Individualität brauchte, wurde damals in ihrer Umgebung nirgends geboten. Aber auch hier fand sie Lösungen: den lästigen Klavierunterricht zum Beispiel hatte sie sich zum zwölften Geburtstag einfach „weggewünscht”.
Mit sechs Jahren schon mußte die Kleine die Scheidung ihrer Eltern erleben und die Unrast beider nach der Trennung. Sie verblieb größtenteils beim Vater, aber auch bei den Großeltern in Freiburg im Breisgau, ja sogar in einem Kinderheim für ein Jahr. Die Zeit davor verlebte das Kind in Baden bei Zürich in einer großen, schönen Wohnung, in der musiziert wurde und wo es viel zu entdecken gab. Im Hof des Wohnhauses traf sie auf ihre ersten Spielgefährten.
In dieses lange Leben ist Gerta Dierauer-Rupp am Sonntag, dem 2.Februar 1902 in Zürich hineingeboren worden als Tochter einer Wienerin und eines Süddeutschen.
„Dank sei allen und allem!” So endete sie ihren 1951 verfaßten kurzen Lebenslauf.
ADNOTATIONES
a] Die Nachrufe sind bewusst im Sinn des negativen Zeitstroms in der Lebensrückschau verfasst worden.
b] vgl. »FH 93«, S.23
c] Dr.med.Ita Wegman war Schülerin und Weggefährtin Rudolf Steiners.